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IWW-Betriebsgruppe bei Eurest Frankfurt/Main: Wer aufmuckt, muss mit Mobbing leben

on 26. August 2009 Uncategorized with 0 comments

Wir dokumentieren einen Artikel von Jörn Boewe aus der “jungen Welt” vom 26.08. 2009, zum Versuch den IWW-Betriebsrat bei Eurest-Frankfurt “abzuwählen”.

Betriebsrat bei Catering-Konzern Eurest soll abgewählt werden, weil er überlange Arbeitszeiten anprangerte

Weil er Verstöße seines Arbeitgebers gegen das Arbeitszeitgesetz öffentlich gemacht haben soll, steht ein Betriebsrat bei der Firma Eurest GmbH in Frankfurt/M. unter politischem Druck. Wenn der Gesamtbetriebsrat (GBR) des Catering-Konzerns am heutigen Mittwoch im Frankfurter DGB-Haus zusammenkommt, steht ein einziger Punkt auf der Tagesordnung: Abwahl des GBR-Mitglieds Harald Stubbe wegen »grober Pflichtverletzung«.

Die Vorgeschichte: Am 19. Juni wurde gegen die Betriebsleitung der Eurest-Kantine im Investment Banking Center (IBC) der Deutschen Bank in Frankfurt/M. Anzeige wegen Verstoß gegen das Arbeitszeitgesetz erstattet. Beamte des 13. Polizeireviers Frankfurt-Bockenheim stellten Kopien von Dienstplänen sicher und nahmen die Personalien möglicher Zeugen auf. Wie die Polizei auf jW-Nachfrage bestätigte, wurde die Anzeige »zuständigkeitshalber« an das Frankfurter Hauptzollamt, Abteilung »Finanzkontrolle Schwarzarbeit« (FKS) weitergeleitet. Die übergab den Vorgang an die FKS Gießen, in deren Einzugsbereich die Firma angeblich ihren Sitz hat. Erst in Gießen bemerkten aufmerksame Zollbeamte, daß sie für den Fall gar nicht zuständig waren und überwiesen ihn ans Regierungspräsidium Darmstadt, Abteilung Arbeitsschutz und Umwelt mit Sitz in Wiesbaden. Dort harrt er nun seiner Bearbeitung. Dem Catering-Konzern droht, sollten sich die Vorwürfe erhärten, ein Ordnungsgeld bis zu 15000 Euro. Eurest – Bestandteil der international agierenden Compass-Group – ist der größte Betreiber von Werkskantinen in der Bundesrepublik. Die Kette hat in Deutschland nach eigenen Angaben über 8400 Angestellte, die an über 700 Standorten täglich rund 230000 Kunden versorgen.

Zwar wurde die Anzeige nicht von Stubbe erstattet, sondern von einem Aktivisten der Frankfurter Gruppe der »Industrial Workers of the World«, dem IWW-Sekretär Lutz Getzschmann. Doch das macht Stubbe für das Management und seine Helfer im Gesamtbetriebsrat offenbar erst recht verdächtig: Das ehemalige Mitglied im Regionsvorstand der Gewerkschaft Nahrung, Genuß, Gaststätten war Ende 2008 zur IWW übergetreten, weil er mit dem »Schmusekurs« (Stubbe) der NGG gegenüber Eurest unzufrieden war. Die IWW, deren Anhänger auch »Wobblies« genannt werden, ist eine 1905 in den USA gegründete radikale Gewerkschaft, die sich seit drei, vier Jahren verstärkt bemüht, auch in Europa Fuß zu fassen.

Als die Anzeige am 19. Juni gegen 19 Uhr erstattetet wurde, seien Kantinenmitarbeiter bereits »seit 6.30 Uhr« im Einsatz gewesen, so Getzschmann gegenüber jW. Dies sei kein Einzelfall gewesen: Angestellte der IBC-Kantine würden »regelmäßig über alle gesetzlichen Arbeitszeitbestimmungen hinaus bis zu 16 Stunden am Tag« arbeiten.

Der für Eurest zuständigen NGG-Sekretärin Sylvia Artzen ist von solchen wiederholten Verstößen »nichts bekannt«, wie sie am Dienstag auf jW-Nachfrage erklärte. Zwar sei am 19. Juni offenbar die zulässige Höchstarbeitszeitgrenze überschritten worden, doch habe es sich dabei um »ein absolutes Novum« bei Eurest gehandelt, von dem sie »erst im nachhinein« erfahren habe. »Nichtsdestotrotz ist es nicht in Ordnung«, betonte Artzen. Allerdings habe der Caterer – nach eigenen Angaben – den betroffenen Angestellten nach Feierabend Hotelübernachtungen in der Nähe zur Verfügung gestellt. »Das ist dann wohl auch so gemacht worden«, glaubt die Gewerkschafterin.

Mit der geplanten Abwahl Stubbes habe die NGG »nichts zu tun« – ob die Mehrheit der GBR nun bei ihr organisiert seien oder nicht. »Das muß der Gesamtbetriebsrat mit sich ausmachen.« Das Gewerkschaftshaus werde nur deshalb gestellt, »weil gerade kein anderer Versammlungsraum verfügbar war und es für alle Betriebsräte gut erreichbar ist«, so Artzen.