IWW Wien | die solidarische Gewerkschaft

Organisiere die Arbeiter*innenklasse, nicht die Linke

on 14. Januar 2020 Allgemein with 0 comments

Organizing-Ratschläge, die ich meinem Ich vor zehn Jahren geben würde.

Der Autor, der es vorzieht, anonym zu bleiben, arbeitete mehrere Jahre lang als Organizer für die größten Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes in den USA, bevor er Lehrer wurde. Heute organisiert er seine Kolleg*innen und Schüler*innen, zuletzt etwa bei Kämpfen um mehr Geld für Bildung oder für Führerscheine für undokumentierte Migrant*innen. Ein Text unserer Kolleg*innen von “Organizing Work”.

Ich habe darüber nachgedacht, welchen Rat ich mir aus heutiger Sicht vor zehn Jahren geben würde, als ich mit dem Organizing begonnen habe. Ich habe seit damals viel gelernt und viele Fehler gemacht. Im Folgenden also das, was ich mir aufgrund diverser eigener Erfahrungen und Fehler mit auf den Weg geben würde. Auch einfach Sachen, die ich selber nicht vergessen will. Es ist ja nicht so, dass ich immer alles richtig mache.

 

– Organisiere für klare, erreichbare Ziele, die Orientierungpunkte haben und deren Erreichen man messen kann. Aufklärung oder „Bewusstseinsbildung“ sind nämlich nicht zu messen. Organisiere für Dinge, die das Leben der Menschen besser machen.

– Es geht nicht in erster Linie darum, sich an Protesten zu beteiligen. Das kann manchmal sinnvoll und nützlich sein, aber es gibt eine Tendenz, Proteste als „etwas tun“ zu betrachten und einfach von einer Demo zur nächsten zu springen.

– Hör dir die Meinungen der Leute an. Zuhören steht an erster Stelle. Schau, wo die Leute stehen. Lausche den Problemen der Menschen. Mutmaße nicht, welche Meinungen oder Probleme Menschen haben könnten.

 

– Arbeite nicht nur mit Personen aus solchen Subkulturen und Szenen und sozialen Gruppen zusammen, die du am besten kennst. Dies führt dazu, dass Menschen, die nicht Teil dieser Subkultur sind, sich nicht zugehörig fühlen.

 

– Lass dich nicht in superideologische dogmatische Auseinandersetzungen hineinziehen. Die Leute interessieren keine Streitigkeiten über etwas, das 1936 geschah, oder für deine Zerwürfnisse mit wem auch immer. Theorie und Geschichte mögen als Hobby interessant sein, und auch zur Inspiration dienen, aber die Linke ist generell geradezu besessen von Ideologieinterpretation zur Identitätsfindung. Veranschauliche deine Methodik anhand deiner Art des Organizing.

 

– Respektiere kollektive Prozesse. Arbeitet bei Meinungsverschiedenheiten gemeinsam an Lösungen. Plant die Dinge gemeinsam.

 

– Klopfe an Türen, telefoniere, kontaktiere Leute. Verwende keine sozialen Medien zum Organisieren.

 

– Sei beständig. Wie ein Trommelschlag. Sei pünktlich. Erledige, was du versprochen hast zu tun.

 

– Schreibe Leute nicht ab, nur weil sie eine negative Haltung gegenüber einer Sache haben. Lass niemanden zurück und vergiss niemanden. Menschen sind kein Verschleißmaterial.

 

– Wende dich an jene Person(en) in einem Raum, die nicht bereits Autoritätspositionen haben. Zu oft betreten Organizer einen Raum und sprechen mit der Person, die bereits die meisten Machtbefugnisse besitzt.

 

– Die Macht ist unter den gewöhnlichen Arbeiter*innen an ihrem Arbeitsplatz zu finden, nicht in den Führungsetagen. Bau mit den Leuten an der Basis etwas auf.

 

– Frag nicht um Erlaubnis.

 

– Bleibe in engem Kontakt zu den Arbeiter*innen und ihrem Umfeld.

 

– Arbeite an den Organizing-Fähigkeiten von Schüler*innen. Sprich mit den Schüler*innen, als wären sie Erwachsene oder sogar Gleichaltrige, auch wenn du der*die Lehrer*in bist. Es gilt, echte Bindung aufzubauen. Bring sie zum Lachen.

 

– Hab keine Angst davor, anderer Meinung zu sein, aber sei nicht rechthaberisch.

 

– Beziehe die Menschen mit ein und vermittle ein Gefühl des Willkommenseins, indem du dich mit ihnen unterhälst und dich z.B. nach ihren Kindern erkundigst, solche Dinge eben.

 

– Beschäftige dich nicht zu sehr mit all dem Beiwerk der Organizingarbeit. Poster und Newsletter und Social Media sind toll, aber man bekommt keinen Nachtisch, wenn man vorher nicht sein Gemüse gegessen hat.

 

– Organisiere die Arbeiter*innenklasse, nicht die Linke.