Kategorie: Allgemein

  • SOLID! Nr. 1/2018 erschienen

    SOLID! Nr. 1/2018 erschienen

    Die erste SOLID! (Flugschrift der IWW-Wien) für das Jahr 2018 ist erschienen. Ihr könnt sie euch hier runterladen oder euch Exemplare über wien@iww.or.at kostenlos bestellen.

    Ausgaben zum Nachlesen findet ihr hier: https://staging.iww.or.at/material-broschueren/

    Die SOLID! 1/2018 liegt unter anderem an folgenden Orten zur freien Entnahme auf:

     

  • Zur Erinnerung, wenn gestreikt wird…

    Zur Erinnerung, wenn gestreikt wird…

    Die KV-Verhandlungen der SWÖ wurden erneut abgebrochen. Falls der ÖGB sich tatsächlich zum Streik durchringt (was wir sehr befürworten), folgendes Video zur freundliche Erinnerung…


  • Aufruf SWÖ-KV-Verhandlungen: Betriebsversammlung im öffentlichen Raum

    Unter dem Motto „Soziale Arbeit ist mehr wert“ rufen die ÖGB-Teilgewerkschaften GPA und Vida für Mittwoch, den 24.01.2017 um 15 Uhr zu einer öffentlichen Betriebsversammlung an der Ecke Mariahilferstraße/Museumsquartier auf.

    Die Verhandler*innen der Bosse haben in den aktuellen Kollektivvertragsverhandlungen 2,1% Lohnerhöhung angeboten, was der Inflation von 2017 entspricht.

    Nachdem letztes Jahr die Einstufung in den SWÖ der offenen Jugendarbeit für die Gesprächsbereitschaft über die 35-Stundenwoche eingetauscht wurde (Verwendungsgruppe 7 statt 8), was mit einer fachlichen und praktisch falschen Definition der Sozialen Arbeit begründet wurde, wird nun die Wochenarbeitszeit nicht thematisiert.

    Zudem ist zu befürchten, dass die ÖGB-Gewerkschaften sich wieder einmal mit einem faulen Kompromiss abspeisen lassen und von den Verhandler*innen weitere Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen im Sozialbereich hingenommen werden.

    Wir können unsere Arbeits- und Lebensbedingungen nur dann verbessern, wenn wir uns gemeinsam basisdemokratisch organisieren – im Stadtviertel, Ort, Betrieb, in der Schule, FH oder an der Universität – und durch unsere Solidarität eine Emanzipation möglich wird. Solange Personen über unser Leben und unsere Arbeit über unsere Köpfe verhandeln, werden wir immer diejenigen sein, die übervorteilt werden.

    Trotz alledem rufen wir alle Arbeiter*innen unabhängig von ihrer Funktion und Branche dazu auf, sich an diesem Tag an den Betriebsversammlungen im öffentlichen Raum und an dem danach stattfindenden Protestmarsch zu beteiligen.

    Industrial Workers of the World

    Ortsgruppe Wien

    I.U. 610/650 (Gesundheit und Soziales)

    E-Mail: soziales@iww.or.at

  • Solidarisch organisieren!

    Solidarisch organisieren!

    Flyer der IWW Wien für die Demo gegen die ÖVP-FPÖ-Regierungspolitik am 13.1.2018

  • Globale Gewerkschaft

    Globale Gewerkschaft

    Das im Oktober 2017 erschienene Buch „Wobblies of the World“ beleuchtet die internationale Ausstrahlung der IWW während der ersten Jahrzehnte nach ihrer Gründung

    (mehr …)

  • Videos: Wir geben nicht nach! – Ein Abend gegen die Tristesse

    Videos: Wir geben nicht nach! – Ein Abend gegen die Tristesse

    Lumpenlieder der Nestbeschmutzer. Videos der Lesung der IWW-Wien vom 08.12.2017. Ein Abend mit rebellischen und unterhaltsamen Texten gegen die Tristesse dieses politischen Herbstes mit Francois Villon, Erich Mühsam, Jack London, Heinrich Heine, Jura Soyfer, „Big Bill“ Haywood, Elizabeth Gurley Flynn, Kurt Tucholsky und anderen.


    Der „Aufruf“ von Tucholsky wurde am 08.12.2017 bei der IWW-Veranstaltung „Wir geben nicht nach! – Ein Abend gegen die Tristesse“ in Wien gelesen. Ein Appell für die solidarische Unterstützung politischer Gefangener.


    „Das Lied von der Ordnung“ (Jura Soyfer, ~1930) wurde am 08.12.2017 bei der IWW-Veranstaltung „Wir geben nicht nach! – Ein Abend gegen die Tristesse“ in Wien gelesen. Es handelt vom Kampf gegen die ungerechte Gesellschaft.


    „Demonstration der Arbeitslosen“ (Elizabeth Gurley Flynn) wurde am 08.12.2017 bei der IWW-Veranstaltung „Wir geben nicht nach! – Ein Abend gegen die Tristesse“ in Wien gelesen. Elizabeth Gurley Flynn (* 7. August 1890 in Concord, New Hampshire; † 5. September 1964 in Moskau) war eine US-amerikanische Aktivistin der Arbeiterbewegung, Mitglied der IWW und kommunistische Politikerin. Der Text stammt aus der deutschen Ausgabe ihrer Autobiographie „I speak my own piece. Autobiography of „The Rebel Girl““.

     


    Dieser Auszug aus „Der kommende Aufstand“ (Unsichtbares Komitee) wurde am 08.12.2017 bei der IWW-Veranstaltung „Wir geben nicht nach! – Ein Abend gegen die Tristesse“ in Wien gelesen.
    „Der kommende Aufstand“ ist ein linkspolitischer Essay, der erstmals 2007 unter dem Titel L’Insurrection qui vient in französischer Sprache mit der Autorenangabe Comité invisible (Unsichtbares Komitee) erschien. 2009 wurde der Essay überarbeitet und fand zumeist über das Internet große Verbreitung.

     


    Jack Londons „Streikbrecher“ wurde am 08.12.2017 bei der IWW-Veranstaltung „Wir geben nicht nach! – Ein Abend gegen die Tristesse“ in Wien gelesen.
    Jack London (* 12. Januar 1876 in San Francisco als John Griffith Chaney; † 22. November 1916 in Glen Ellen, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Journalist. Er erlangte vor allem Bekanntheit durch seine Abenteuerromane „Ruf der Wildnis“ und „Wolfsblut“ sowie durch den mehrfach verfilmten Abenteuerroman „Der Seewolf“ und den autobiographisch beeinflussten Roman „Martin Eden“. […]
    Als erfolgreicher Schriftsteller bekannte London sich in seinen politischen Essays, geprägt durch harte Erfahrungen in der Kindheit, häufig zu den unteren Schichten der Gesellschaft und offen zum Sozialismus, wenn auch sehr eigener Prägung. Er war bis kurz vor seinem Tod Mitglied der Socialist Party der Vereinigten Staaten und bewarb sich 1901 für diese Partei erfolglos um das Amt des Bürgermeisters von Oakland.

     


    Francois Villons „Ballade von den Armen und den Reichen“ wurde am 08.12.2017 bei der IWW-Veranstaltung „Wir geben nicht nach! – Ein Abend gegen die Tristesse“ in Wien gelesen.
    François Villon (* 1431 in Paris; † nach 1463; sein eigentlicher Name war vermutlich François de Montcorbier oder François des Loges) gilt als bedeutendster Dichter des französischen Spätmittelalters.
    In seinen beiden parodistischen Testamenten und in zahlreichen Balladen verarbeitet er die Erlebnisse seines abenteuerlichen Lebens als Scholar, Vagant und Krimineller.

     


    Das von Tucholsky unter dem Pseudonym Theobald Tiger verfasste Werk „Lösung“ von 1931 wurde am 08.12.2017 bei der IWW-Veranstaltung „Wir geben nicht nach! – Ein Abend gegen die Tristesse“ in Wien gelesen. Es handelt von der Mühelosigkeit, mit der die Kapitalist*innen in der Weltwirtschaftkrise ihre Verluste auf die arbeitenden Menschen abwälzen konnten.
    Kurt Tucholsky (* 9. Januar 1890 in Berlin; † 21. Dezember 1935 in Göteborg) war ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Er schrieb auch unter den Pseudonymen Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel.
    Tucholsky zählt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“ erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat, Sozialist, Pazifist und Antimilitarist und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten – vor allem in Politik, Militär und Justiz – und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus.

     


    weitere Videos findet ihr auf der Facebookseite der IWW-Wien.

  • Wir geben nicht nach! – Ein Abend gegen die Tristesse

    Wir geben nicht nach! – Ein Abend gegen die Tristesse

    Bernd Remsing liest rebellische und unterhaltsame Texte von gestern für heute.
    Ein Abend gegen die Tristesse dieses politischen Herbstes mit Erich Mühsam, Jack London, Jura Soyfer, „Big Bill“ Haywood, Elizabeth Gurley Flynn, Kurt Tucholsky, Erich Kästner und anderen.
    Eine Veranstaltung der IWW Wien

    Freitag, 8. Dezember, 19h
    KuKu – HIER SIND SIE RICHTIG!
    Linke Wienzeile 94
    1060 Wien

  • Und plötzlich merkt man, dass man gemobbt wird!

    Und plötzlich merkt man, dass man gemobbt wird!

    von X362729

    Eigentlich hat alles ganz gut begonnen. Eine Stellenausschreibung, ein Bewerbungsschreiben hingeschrieben, noch am gleichen Tag einen Anruf bekommen, kurz darauf einen Termin für ein Vorstellungsgespräch, zwei Stunden probearbeiten, Zusage erhalten und dann gleich einmal den unbefristeten Dienstvertrag unterschrieben.

    Ich bekam einen schicken Schreibtisch, wurde gemütlich eingeschult, bekam tolles Feedback, was ich nicht für eine Bereicherung für das Team wäre und was ich nicht für tolle Arbeit leiste. Irgendwie komisch war es zwar schon, aber selber konnte ich es irgendwie nicht ganz greifen. Ein diffuses Gefühl war vorhanden, manches Verhalten von Kolleg*innen ließ sich nicht ganz einordnen, aber nichts Greifbares, nichts, was konkret feststellbar gewesen wäre.

    Und dann ging es auf einmal Schlag auf Schlag. Ein Kollege wurde gekündigt, was dazu führte, dass man sich selber noch unwohler fühlt. In Besprechungen und bei Planungen bzgl. des Dienstablaufes wird man plötzlich außen vor gehalten, man bekommt nicht mehr alle Informationen, es wird getuschelt. Jede Handlung von einem wird in Frage gestellt, alles muss nachbesprochen werden und ich musste mich für alles rechtfertigen, warum ich wie und warum gehandelt habe. In dieser Zeit hat es auch angefangen: ich fühlte mich abgekämpft, müde, so richtig guter Schlaf wollte sich auch nicht mehr einstellen. Zweifel an der eigenen beruflichen Kompetenz kamen auf. Das Privatleben litt darunter, ich agierte nur mehr genervt oder im beruflichen Rahmen unterwürfig meinem Team und im speziellen meiner Vorgesetzten gegenüber, die zugleich Betriebsrätin im Unternehmen war. Die Hoffnung war lange da, dass sich die Situation verbessern würde, dies nur für eine kurze Zeit so ist, dass das alles nur wegen des gekündigten Kollegen so ist.

    Je mehr ich mich an die Teamdynamik anpasste, desto mehr Druck wurde auch auf mich ausgeübt, desto mehr musste ich mich verteidigen, meine Arbeit begründen. Mehr und mehr beruflich relevante Informationen wurden mir vorenthalten, Themen wie Urlaubsplanung wurden ohne mich besprochen und die eigene Planung des Urlaubes wurde zum großen Problem gemacht. Berufliche Unterlagen verschwanden und wurden plötzlich hervorgeholt, um mir vorzuwerfen, dass ich Informationen vorenthalte und „mein“ Team nicht an meiner Arbeit teilhaben lassen will. Vorwürfe, dass meine Sprache zu abgehoben ist und ich ein Sexist sei und angeblich auch eine Kollegin beschimpft habe.

    Es brauchte ein paar Monate, bis mir klar wurde, dass hier was extrem schief läuft und ich eigentlich in einer Dynamik war, in der ein Blick auf die eigene Situation einfach nicht mehr möglich war. Nun, ich bin grundsätzlich nicht zaghaft, was Konflikte am Arbeitsplatz betrifft, bin seit Jahren politisch und/oder gewerkschaftlich aktiv, IWW-Organzier und habe selbst Fellow Worker in ähnlichen Situationen begleitet und beraten. Aber selbst in dieser Situation zu sein, zeigt plötzlich auf, wie schnell man in einer Dynamik ist, in der man alleine einfach nicht mehr rauskommt. Die Erkenntnis des Mobbings/Bullyings ereilte mich eines morgens vor der Arbeit, nachdem ich wieder wenige Stunden geschlafen hatte und einfach frustriert an die Wand starrte.

    Also was tun? Der Vorteil als IWW-Mitglied ist zunächst einmal der Rückgriff auf Wissen und Unterstützung. Ich kontaktierte andere Organizer*innen der IWW-Wien und erzählte, was gerade Thema ist bei mir. Weiters stellte ich Kontakt zu dem gekündigten Kollegen her und erzählte meine Situation meinen Fellow Workern vor Ort. Und dann ging es wieder Schlag auf Schlag. Mit Organizer*innen meiner Ortsgruppe wurden mögliche Ziele formuliert und Strategien ausgearbeitet. Das Treffen mit dem gekündigten Kollegen war durchwegs interessant, da er einen ehemaligen Kollegen mitbrachte, dem es ähnlich ergangen war. Fellow Worker meiner Ortsgruppe riefen mich an, schickten mir E-Mails und waren für mich da. Und plötzlich hatte ich wieder Macht, nicht nur emotional, sondern auch meiner Vorgesetzten und meinem Team gegenüber. Zu wissen, was man tun soll und nicht alleine zu sein ermöglichte mir viel Freiheit und Handlungsspielraum. Damit konnte ich die Situation beeinflussen, ja sogar gezielt kontrollieren.

    Und so passierte es auch. Ich wurde wieder zu einem Gespräch mit meiner Vorgesetzten geladen, nur diesmal erklärte ich die Situation sachlich, ruhig, aber durchwegs bestimmt. Das führte zunächst allerdings dazu, dass es im Team ein großes Drama gab, wie furchtbar ich nicht sei. Am nächsten Morgen kam auch schon der Anruf der Personalabteilung: Ich brauche nicht in die Arbeit zu kommen und ob ich morgen ins Personalbüro kommen kann.

    So war es dann auch. Nächster Tag: Termin beim Personalchef. Hier orientierte ich mich an dem, was die Organizer*innen der IWW-Wien empfohlen hatten bzw. was wir gemeinsam erarbeitet hatten. Nach einer einstündigen Unterredung wurde ich für drei Wochen bei vollen Bezügen freigestellt.

    Drei Wochen später war ich wieder im Büro des Personalchefs, diesmal für eine Aussprache mit Personalchef und direkten Vorgesetzten. Ruhig bleiben, sachlich bleiben und nicht Ärgern war die Devise. Dies hatte den Effekt, dass meine Vorgesetzte minütlich aufbrausender und ungehaltener wurde. Dies ging soweit, dass der Personalchef die Aussprache abbrach und ich für weitere drei Wochen bei vollen Bezügen freigestellt wurde.

    Nach insgesamt sechs Wochen bezahlter Freistellung bekam ich erneut einen Anruf und meine neue Dienststelle wurde mir mitgeteilt.

    Keine Frage, es war keine großes Tamtam, keine fliegenden Fahnen, keine spektakulären Aktionen, keine heroischen Taten von Sabotage und Direkter Aktion. Aber es war Schutz, Sicherheit, verhinderte dass ich aufgrund Bossings in finanzielle Schwierigkeiten geriet, es schütze meine Gesundheit, und das für mich definierte Ziel war vorhanden. Und hier zeigte sich für mich im kleinen Rahmen die Macht und die Effizienz der IWW – ohne lange Gerichtsprozesse, ohne bürokratische Hürden. Ja, ich habe die Gespräche selbst geführt, aber ohne meine Gewerkschaft, hätte ich weder die Taktik entwickeln können, noch die Kraft gehabt, diese umzusetzen. Sich austauschen zu können, Strategien und Handlungsmöglichkeiten gemeinsam zu entwickeln, zu wissen, dass man nicht alleine ist, dass Unterstützung da ist – dies hat es mir ermöglicht, erfolgreich die Situation zu verändern.

    Und dann? Meine neuen Vorgesetzten nach der Versetzung griffen mich mit Samthandschuhen an und waren sehr bemüht, das ich mich auf alle Fälle „wohl“ fühlte. Tja, eines Tages läutete mein Telefon: Ob ich an einer Stelle in einem anderen Unternehmen Interesse hätte. Mehr Bezahlung, weniger Stunden. Also ging ich wieder zu meinem Personalchef, welcher mir erklärte, wie schade es sei, dass ich kündige, aber er freue sich, dass die Probleme gelöst werden konnten. Und meine Minusstunden, die ich angesammelt hatte? Nein, natürlich werden diese nicht mit meinen Urlaubstagen gegengerechnet und ich soll mir doch einfach aussuchen, ob ich meinen Resturlaub konsumieren möchte oder dieser ausbezahlt werden soll.

  • Einfühlsamkeit + Aktivismus = Solidarität (Langversion mit Videos)

    Einfühlsamkeit + Aktivismus = Solidarität (Langversion mit Videos)

    Ein Rückblick auf einen berührenden Abend mit Billy Bragg.

    Billy Bragg Credit: Michael Barbour
    Billy Bragg (Credit: Michael Barbour)

    Am 12. August, kurz bevor uns die erschütternden Nachrichten vom Nazi-Angriff in Charlottesville erreichten, erlebten wir, ein paar Wobblys,  im Wiener WUK ein in vielerlei Hinsicht außergewöhnliches Konzert. Billy Bragg, der linke Liedermacher aus Großbritannien war nach Wien gekommen. Nicht nur, um uns seine Balladen und Protestlieder zu singen, sondern auch, um uns Mut zu machen. Mut, weiterzukämpfen und nicht wegen der gefährlichen politischen Lage aufzugeben oder in Zynismus zu versinken.
    Das Konzert beginnt vergleichsweise ruhig – ohne Ansagen und mit minimalistischer, weißer Beleuchtung, die nur sporadisch mit Farbnuancen im Hintergrund gewürzt wird.

     

     

    Dann aber fängt Bragg plötzlich an, zwischen den Liedern zu den Menschen im Publikum zu sprechen und spannt ein Band, das bis zum letzten Ton des Abends nicht reißen sollte.
    Mit einer wirklich außergewöhnlichen Einfühlsamkeit erzählt er in seinen Liedern und Geschichten von der Liebe und den großen und vermeintlich kleinen Schwierigkeiten und sozialen Kämpfen, mit denen wir uns in unseren Leben herumschlagen müssen. Dabei gibt er uns das Gefühl, das uns sonst kaum jemand öffentlich zu geben vermag: das wir alle wertvoll sind. Dies fühlt sich nicht nur gut an, sondern ist auch bemerkenswert in einer Zeit, in der das verächtliche Herabwürdigen von Menschen, die weniger Geld haben, allgemein akzeptiert und oft beklatscht wird.

    Sleep of Reason
    Francisco Goyas Kunstwerk Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer (Originaltitel: El sueño de la razón produce monstruos).

    Billy Bragg nennt diese Politik den Krieg gegen die Einfühlsamkeit. Ein Krieg mit dem Ziel, den Zusammenhalt unter den Ausgebeuteten gegen die Angriffe des Kapitals zu verhindern.

    Mit dem Lied The Sleep of Reason, das vom gleichnamigen Kunstwerk Francisco Goyas inspiriert ist, reflektiert Bragg die BREXIT-Abstimmung und den Wahlsieg Donald Trumps. Er hinterfragt, warum nicht einmal über die für die Menschen existentiell wichtigen Fragen wie Einkommen, Gesundheitsversorgung und Bildung abgestimmt wird, sondern die persönliche Unsicherheit auf die Zuwanderung gelenkt wird.

    In The King’s Tyde and the Sunny Day Flood erzählt er vom Anstieg des Meeresspiegels durch den Klimawandel. Im Süden der USA führt dies beispielsweise dazu, dass tausende Menschen ihre Häuser verlassen müssen, weil diese durch die monatlichen Überflutungen unbewohnbar werden. Besonders betroffen sind davon Menschen, die sich ein neues Zuhause nicht leisten können und für die sich die Stadtverwaltungen nicht interessieren – auch der Klimawandel ist eine Klassenfrage.

    Zwischendurch nimmt Billy Bragg einen kurzen Abstecher zur Folk-Musik. Am 20. Jänner, dem Tag der Angelobung von Donald Trump, hatte er einen neuen Text für Bob Dylan’s The Times They Are A-Changin‘ geschrieben, in dem er beschreibt, wie die Rechten die Zeit zurückdrehen und eine von Unterdrückung bestimmte Gesellschaft errichten wollen.
    Zum Repertoire Braggs gehören neben den Protestliedern auch eine Menge Lieder über glückliche und unglückliche Liebe. Shirley, A New England oder Milkman of Human Kindness sind nur drei der Balladen, die er an diesem Samstagabend für uns singt.

     

     

    Für Billy Bragg besonders inspirierend war der us-amerikanische Liedermacher Woody Guthrie gewesen. Mit dessen She Came Along to Me drückt seine Solidarität mit den Frauen aus, die für ihre Selbstbestimmung und gegen das lauter werdende frauenfeindliche, konservative Geschrei kämpfen. Aber er ruft auch die Männer auf, sich von patriarchalen Rollenerwartungen zu befreien. Handyman Blues ist eine Hommage und ein Weckruf an alle Männer, die die Schnauze voll davon haben, gute Heimwerker sein zu müssen.

     

    Don’t be expecting me to put up shelves or build a garden shed
    But I can write a song that tells the world how much I love you instead
    I’m not any good at pottery so let’s lose the ‚t‘ and just shift back the ‚e‘
    And I’ll find a way to make my poetry build a roof over our heads.
    (Handyman Blues)

     

    Als Billy Bragg auf der Bühne spricht, betont er immer wieder, wie wichtig die Musik ist. Mit ihr könnten Geschichten erzählt werden, die die Herzen, nicht nur die Hirne erreichen. So wichtig die Musik für unseren Zusammenhalt und unsere Ermutigung sei, kann sie uns nicht ersparen, dass wir aktiv werden. Denn Einfühlsamkeit plus Aktivismus ist Solidarität. Diese ist bekanntlich unsere einzige Waffe und wie mächtig sie ist, erklärte Bragg gegen Ende des Abends mit seiner alten Gewerkschaftshymne There is Power in a Union.

     

    There is power in a factory, power in the land
    Power in the hands of a worker
    But it all amounts to nothing if together we don’t stand
    There is power in a Union
    (There is Power in a Union.)

     

    Wir können auf ein in vielerlei Hinsicht sehr ergreifendes Konzert zurückblicken und hoffen, Billy Bragg noch oft zuhören zu können. Den Nazis in Charlottesville wollen wir folgende Worte ausrichten, die Woody Guthrie 1942 niedergeschrieben hat: You’re bound to lose, you fascists bound to lose!