IWW Wien | die solidarische Gewerkschaft

Wobbly ein Leben lang – Für einen Aktivismus der länger als die Studienzeit dauert

on 25. Juli 2016 Allgemein with 0 comments

Die antiautoritäre Linke ist eine Bewegung deren statistisches Ausstiegsalter bei 27 Jahren liegt. Das es auch anders geht zeigen (leider nur) einige wenige gute Beispiele. Um dieses Thema geht es auch in der weltweiten Basisgewerkschaft IWW. Eines der Mitglieder beschäftigt sich mit den Bedingungen wie es gelingen kann ein Leben lang Wobbly zu sein.

Du hast also zum dreizehnten Mal deine Beiträge bezahlt und dein Delegate deine niegel nagel neue Red Card ausgefüllt, die dich nunmehr 5 Jahre begleiten wird und damit die schnöde einjährige Starterkarte ersetzt? Wenn dem so ist, zunächst einmal, herzlichen Glückwunsch und ein Tipp: Versuch sie gar nicht erst in deiner Brieftasche aufzubewahren, das klappt eh nicht. Zweitens, lass uns darüber nachdenken, wie wir sicher gehen können, dass dies nur eine von vielen Fünfjahreskarten sein wird. In den USA haben wir das Ziel in 10 Jahren 10.000 neue Wobblies zu gewinnen. Sollte uns das gelingen, vor allem im Hinblick darauf, dass wir weiterhin eine Basisgewerkschaft sein wollen, die von den Mitgliedern am Laufen gehalten, geführt und finanziert wird, müssen wir ebenso über die hohe Mitgliederfluktuation reden. Nicht allein aus der Logik der Mitgliedszahlen heraus, sondern aus der Notwendigkeit heraus, dass eine Basisgewerkschaft nur funktionieren kann, wenn es eine bestimmte Anzahl an Mitgliedern gibt, die willens und fähig sind, sich kritisch mit der eigenen Gewerkschaft auseinander zu setzen, neue Ideen einzubringen und Strategien zu entwickeln, die einer konstruktiven Diskussion zuträglich sind. Die Tatsache, dass manche Neumitglieder nur EINEN Monat dabei bleiben, sollte uns traurig stimmen und wir sollten überlegen, wie so etwas nie wieder passiert. Nichtsdestotrotz stellt ein ebenso drängendes Problem das Verheitzen der Leute dar, die mittelfristig dabei bleiben, d.h. ihr erstes Jahr hinter sich haben, aber noch keine Fünfjahreskarte vollgemacht haben. Obwohl diese Leute bereits einiges an Energie, Geld und Zeit in die IWW gesteckt haben, hören sie auf einmal auf. Das kann in einzelnen Fällen sogar dazu führen, dass sie ganz aufhören gewerkschaftlich aktiv zu sein oder ein/e Hauptamtliche/r in einer DGB Gewerkschaft werden, sprich es kann unbemerkt oder kontrovers vonstatten gehen. Wie auch immer sich dieser Prozess gestaltet, steht fest: Wenn er sich ungebrochen fortsetzt, verlieren wir die Fähigkeit, eine pluralistische und demokratische Organisation zu sein. Und dies ist etwas, worüber wir unbedingt reden müssen. Im Folgenden möchte ich allen Wobblies, die bereits länger als ein Jahr dabei sind, ein paar Tipps geben, wie sie in der IWW ein langfristiges Zuhause finden.

1. Schaff dir ein Hobby oder zwei oder drei an (sei mit Leuten in der IWW befreundet, aber halte auf jeden Fall Kontakt zu Freund*innen außerhalb).

Ich bin immer sehr skeptisch Leuten gegenüber, deren ganzes Leben linker Politik und Theorie gewidmet ist. Manche würden zynisch darauf erwidern, dass dies genau die Leute sind, die dann zu kleinen Stalins werden. Inwiefern dies stimmt, vermag ich nicht einzuschätzen, und es ist auch nicht meine Sache, dies zu tun. Das Problem, das wir aber haben, liegt an dem Umstand, dass es zurzeit keine ernstzunehmende radikale ArbeiterInnenbewegung gibt und alle Versuche, sich hundertprozentig radikaler Politik zu verschreiben, doch eher einem Kampf gegen Windmühlen gleicht. Eben diese Mentalität und dieser Lifestyle tragen zur Entstehung von Politsekten bei, statt zu einer breiten Bewegung zu führen, die eine Vielzahl an Lohnabhängigen anspricht. Vergleichen wir dies nun mit Nerdtum in anderen Bereichen, sprich Menschen, die all ihre intellektuelle und soziale Energie dafür aufwenden, in einem speziellen Feld ein/e MeisterIn zu werden (z.B. der Comicbuchverkäufer bei den Simpsons). Ich glaube, genau dies kann einen Teufelskreis auslösen, in dessen Folge die eigenen sozialen Fähigkeiten leiden und deshalb noch stärker versucht wird, dies durch Fähigkeiten und Wissen in diesen Spezialbereichen auszugleichen. Letztendlich gibt es nur noch in diesen Bereich soziale Interaktionen, wodurch bewusst oder unbewusst immense Barrieren aufgebaut werden, wenn Menschen von „außerhalb“ in den Kreis integriert werden sollen.

Wir alle kennen genau diese Art von Menschen, welche dann auch AktivistInnen geworden sind. Aber anders als in einem Bikerclub oder Lesekreis sind wir eine demokratische Organisation, die Entscheidungen über wichtige Themen fällen muss. Und leider sind es genau diese Leute, die eine sehr genau Vorstellung davon haben, wie die Organisation laufen soll, und, wenn dem nicht Folge geleistet wird, werden sie auch schnell mal sehr laut. Wenn dann auch noch mehr als ein Politnerd anwesend ist, gehen sie sich schnell an die Gurgel oder jeder anderen Person, die eine Meinung hat. Nach einiger Zeit brennen diese Leute dann aus, da es sie frustriert, dass die Gruppe oder die Organisation als Ganze die falschen Entscheidungen trifft, oder sie vergiften die interne Diskussions- und Entscheidungskultur so sehr, dass sie vom Rest gebeten werden müssen, zu gehen. Es wäre ja schon fatal, wenn dies “nur“ zerstörerisch ihnen selbst gegenüber wäre. Doch in der Regel, wenn diese Personen die Organisation verlassen, haben sie bereits andere Leute so stark beeinflusst, dass diese ebenfalls gehen oder eben gar nicht erst beitreten.

Ihr werdet die ersten Zeichen erkennen, vor allem wenn euer/eure engste KollegIn anfängt, Sachen zu sagen wie: „Es ist wahr, dass sich diese Personen wie Idioten aufführen, aber sie haben in der Vergangenheit einiges für die Gewerkschaft getan“, oder Ähnliches. Lasst nicht zu, dass euch das auch passiert, denn zu diesem Zeitpunkt mag es schon zu spät sein. Deshalb sucht euch Aktivitäten außerhalb der Gewerkschaft, die euch Spaß machen, geistig fit halten und in Kontakt zu Leuten außerhalb der Ortsgruppe treten lassen. Wenn Leute dich auf Arbeit nach deinen Hobbies fragen und du noch nicht bereit bist über die Gewerkschaft zu reden, kannst du mehr sagen als „Öhhhmmm…also…“

2. Versuch dir einen Job zu besorgen, der dich nicht verrückt macht und den du dir vorstellen kannst, mittel- wie langfristig zu machen.

Ich bin überzeugt davon, dass ein Grund dafür, dass wir eine so hohe Fluktuation an Mitgliederein- und austritten haben, damit zu tun hat, dass manche AktivistInnen bewusst oder unbewusst wie Che Guevara leben wollen. Neumitglieder, vor allem in ihren frühen Zwanzigern, noch in der Ausbildung befindend oder gerade beendend, werden dazu ermutigt, in Bereichen zu salzen, die meistens neben gerade mal dem Mindestlohn generell scheiß Arbeitsbedingungen aufweisen. Von ihnen wird dadurch quasi erwartet, ihr Leben in den Pausenmodus zu stellen, während sie dort arbeiten um zu organisieren. Dabei gibt es allerdings ein Problem: Wenn die Entscheidung nur als eine individuelle getroffen wird ohne eine Strategie dahinter, ist sie nur eine andere Form von Aktivismus (z.B. Aktionismus um des Aktionismus willen). Der Event-Hopper Lifestyle und der, sich mal ne Weile in einen Betrieb „einzuzecken“, haben vieles gemein und es sollte daher nicht überraschen, dass diese vor allem für Anfang-Zwanziger anziehend sind. Wenn dies jedoch zum Fokus der Gewerkschaft wird, werden ältere KollegInnen in anderen Bereichen schnell sich entfremdet von ihnen und deren Problem fühlen und sich langsam abwenden. Dies würde uns schnell auf eine Gewerkschaftssozialstruktur werfen, die vor allem junge (Szene-) Leute repräsentiert mit einer verschwindenden Relevanz für “ältere“ KollegInnen. Währenddessen wird ab einem bestimmten Punkt jede Person in diesen prekären z.B. Einzelhandelsjobs nach einem besseren Job suchen. Vielleicht sogar nach etwas, ohne eine Organisierungsperspektive und dem ganzen damit verbundenen sozialen und aktivistischen Arbeitsdruck. Die Leute, die salzen gegangen sind, werden nach Jobs Ausschau halten, mit der sie ihre Rechnungen pünktlich bezahlen können, wo ihnen vielleicht sogar Respekt auf Arbeit entgegen gebracht wird undPrivates und Lohnarbeit in einem irgendwie gearteten, aber besseren Verhältnis zueinander stehen usw. Genau an diesem Punkt werden viele Leute die Gewerkschaft verlassen, vor allem diejenigen, die dann als bezahlte FunktionärInnen in reformistischen Gewerkschaften landen. Bei Starbucks zum Beispiel, obwohl es diesbezüglich keine gesicherten Daten gibt, glaube ich, dass drei von fünf Wobblies, die dort angefangen haben zu organisieren, nicht mehr in der IWW sind und eine Person bei einer großen Gewerkschaft als FunktionärIn gelandet ist. An dieser Stelle möchte ich zwei Dinge klar stellen: Erstens denke ich, dass Menschen in prekären Jobs unbedingt militante Klassen-Gewerkschaften gründen können und sollen. Ich glaube nämlich, dass man niemals die Lebenswelt seiner KollegInnen in dem Bereich wirklich nachvollziehen kann, wenn mensch nicht selbst diese erniedrigenden Arbeitsbedingungen kennt und dort gearbeitet hat, um zu sehen, dass neben der miesen Bezahlung und der Überarbeitung die psychologische Zurichtung und Manipulation noch hinzu kommt. Ich verstehe natürlich, dass strukturell immer mehr Menschen in prekärer Beschäftigung tätig werden und sind, vor allem ältere KollegInnen und Fellow Workers mit Kindern, und ich denke, wir sollten uns unbedingt mit diesen zusammen organisieren. Nichtsdestotrotz würde ich es gerne sehen, dass wir uns mehr darum bemühen, KollegInnen zu finden, die bereits dort aktiv sind oder werden wollen, statt andere als Organizer rein zu schicken, die dann Organizing-Kampagnen im Stile einer Kaderorganisation starten. Ein oder zwei Jahre sind eine lange Zeit im Leben eines Menschen, aber eine sehr kurze im Verhältnis zu einem Arbeitsleben. Zweitens, ich bin nicht dagegen, aus politischen oder gewerkschaftlichen Gründen einen Job anzunehmen oder an Protesten teilzunehmen bzw. zu organisieren, solange sie Sinn ergeben. Wogegen ich allerdings bin, ist eine Verkehrung von Strategie in Ideologie. Die Frage, ob mensch an einem Protest teilnehmen oder diesen organisieren oder diesen oder jenen Job annehmen soll, sollte auf Basis von erwartbaren und potentiellen Ergebnissen im Verhältnis zu dem stehen, was mensch meint damit aufzugeben. All das sollte wiederum mit unseren Erfahrungen und Versuchen abgeglichen werde, die wir als IWW bisher gemacht haben. Gibt es bereits ein Komitee in dem Betrieb mit einer gewissen Stärke, mag dies ermutigend sein für arbeitslose Mitglieder, sich zu bewerben um mehr EInfluss zu gewinnen. Doch das ist weit davon entfernt zu sagen: „Mach einen Job, den du nicht leiden kannst oder dir vorstellen kannst, länger zu halten, und wo du der/die einzige OrganizerIn sein wirst… Ach ja, und lass uns wissen, wie es läuft!“. Dieser taktische Ansatz des Salzens ist ein gänzlich anderer, als der, einfach überall zu salzen, welcher aus der Anti-Globalisierungs-Lasst-uns-überall-prostieren-Ideologie herrührt. Die hohe Fluktuation ist der Preis, den wir für so etwas zahlen. Stellt euch vor, wir beflügeln alle im Einzelhandel zu arbeiten, bis sie ausgebrannt sind, anstatt sie zu ermutigen, LehrerInnen, Pflegekräfte oder SchaffnerInnen zu werden entsprechend dem, was sie eigentlich interessiert hätte. Denn das sind die Arten von Karrieren, die zumindest eine gewisse finanzielle Stabilität schaffen, die Leute dazu bewegen, länger in ihrem Beruf zu bleiben, um Wurzeln zu schlagen und organische OrganizerInnen zu werden. Ich will damit nicht sagen, dass wir alle genau diese Jobs annehmen sollen, aber wir sollten jüngere, neue Mitglieder dazu ermutigen, über solche Themen nachzudenken. Denn nur dann können wir eine stärkere Organisation mit weniger Verbitterung und mehr Organizing-Potential werden sowie besser und ernsthafter aufgestellt sein. Wir hätten mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit auch mehr Mitglieder in den 30ern mit Kindern aus zwei Gründen: erstens, weil die Wobblies, die mit 20 beigetreten sind, immer noch dabei sind, und zweitens, weil sie ihre gleichaltrigen KollegInnen mit einbeziehen würden. Daher möchte ich neue Fellow Workers nicht darin ermutigen, einfach in die nächste Ausbeuterkette salzen zu gehen, die vermeintlich gerade am attraktivsten erscheint. In der Tat würde ich aktiv davon abraten, wenn sie nicht gerade von einem bereits dort bestehenden Komitee/Betriebsgruppe dafür angefragt werden und daher sehr bewusst diese strategische Entscheidung treffen. An die jungen KollegInnen in einer existentiellen Krise, die denken, ein paar Jahre salzen im Einzelhandel werden diese Krise schon lösen, möchte ich sagen: Versuch dir eine Branche vorzustellen, in der 5-10 Jahre arbeitest ohne verrückt zu werden, die mit dem, was du magst, zusammengeht, und erstell einen Plan, wie du in diesen Bereich gelangst. Wenn du das geschafft hast, verbring ein Jahr lernend und versuch, dich an deinen KollegInnen zu orientieren, während du mehr als alles andere versuchen solltest, Solidarität zu schaffen, bevor das eigentlich aktive Sich-Organisieren losgehen kann (es sei denn, es gibt schon Organisierungsvorgänge bzw. die Zeit ist reif). Dieser Ansatz, denke ich, würde eine nachhaltige Entwicklung befördern, die langfristig ausgerichtet ist und uns Einfluss in verschiedenen Industrien sichert.

3. Vergiss nie, wir sind die Gewerkschaft.

In anderen Worten, heilige Kühe darf es in einer Gewerkschaft nicht geben. Alles wurde von anderen Wobblies vor uns erdacht, die natürlich auch nur Menschen waren. Vor allem bezüglich unserer Geschäftsordnung scheint manchmal eine Art Ehrfurcht zu existieren, welche natürlich existentiell ist, um Regelverstöße zu vermeiden, um klar zu machen, was unsere Grundsätze sind. Sie darf uns allerdings nicht in unserer Fähigkeit beeinflussen, uns Veränderungen vorstellen zu können, die notwendig sind. Typischerweise werden manche Dinge einfach nur deshalb so getan, weil sie schon immer so gemacht wurden. Warum werden bspw. die Mitgliedsbeiträge aufgeteilt oder gibt es das recht komplexe Delegierten-Ortsgruppen-Allgemeine Verwaltung Berichterstattungssystem? Oder warum reden wir über Industriegewerkschaften innerhalb der IWW, die doch eher Phantome sind? Ich sage nicht, dass wir einfach Dinge ändern sollten nur der Änderung wegen, aber trotzdem sollten wir darüber nachdenken dürfen, alles prinzipiell ändern zu können. (Ein anderer Punkt bezieht sich auf die Tragweite von Änderungen. Wir sind die Gewerkschaft und Wandel sollte von der Mitgliederbasis ausgehen, nicht nur von den Offiziellen bzw. MandatsträgerInnen – mehr dazu später)

4. Lernt, Nein zu sagen – Demokratie bedeutet, sich darin zu bestärken, gegen Dinge zu stimmen, mit denen mensch nicht einverstanden ist (und zu lernen bzw. auszuhalten, dass gegen einen gestimmt wird)

Viele von uns sind nicht nur KollegInnen, sondern auch Freund*innen oder zumindest gehen wir freundschaftlich miteinander um. Das ist gut, sofern es dabei hilft, aufrichtige Beziehungen zu pflegen und Spannungen zu vermeiden. Dennoch haben viele uns wenig Erfahrung darin, Teil einer demokratischen Organisation zu sein, in der teilweise harte Entscheidungen getroffen werden oder in der die meisten Leute bereits eine mehr oder minder gefestigte Meinung zu vielen Themen haben. Es ist wichtig, nein sagen zu können und sich wohl dabei zu fühlen. Vielleicht ist der Vorschlag einer/s KollegIn schlecht. Wenn du nicht nein sagst, wer dann? Vielleicht gibt es andere, die mit dir übereinstimmen, sich aber nicht trauen, dies zu äußern. Wenn Gegenmeinungen geäußert werden, sorgt dies dafür, dass wir als Organisation auf dem Boden bleiben und auch wirklich die Meinung und den Willen der Mitglieder abbilden. Leider musste ich schon allzu oft beobachten, wie eine kleine Gruppe etwas unterstützt und eine noch kleinere Gruppe dagegen stimmt, während die große Mehrheit sich enthält. So etwas darf einfach nicht passieren, da so die Wahrscheinlichkeit sehr rasant steigt, dass schlechte Ideen sich durchsetzen und die Gewerkschaft nach außen repräsentieren, obwohl sie nicht den Mehrheitswillen der Mitglieder darstellt

5. Fang an, 10 Jahre voraus zu denken

Ich bin kein Mensch, der sagt „Die Revolution wird niemals in unserer Lebenszeit kommen.“ Wer weiß, der weltweite ökologische Zusammenbruch könnte in unserer Lebenszeit kommen, mit allem was das nach sich ziehen würde. Die IWW der 1920er Jahre diskutierte mehr über Organisierung, um die Produktion nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus zu übernehmen, als darüber, zu den Waffen zu greifen – und vielleicht gibt es etwas, das wir davon lernen können.

Nichtsdestotrotz kommen wir nirgendwo hin (zumindest zu nichts Gutem), wenn wir uns permanent am Rande der Umwälzung wähnen und all unsere persönlichen und politischen Entscheidungen darauf gründen.

Möglicherweise bildet es einen Teil der zu stellenden Gegenwartsdiagnose [Maybe it’s part of the definition of our generation], dass sich Leute über die Immobilienwerte ihres Zuhauses sorgen, während zugleich jeder dritte Film das Ende der Welt prophezeit. Doch auch wenn dem so sei, ist das ein Widerspruch, in dem wir zurzeit leben.

Bereits die aktive Teilhabe an einer Organisation, welche die weltweite Arbeiter*inneneinheit und Übernahme der Produktion vorantreibt, unterscheidet eine*n von der Praxis der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung Nordamerikas (wobei ich mich frage, ob sich diese Kluft nach Occupy verkleinert hat). Vor allem wenn mensch in ihrer*seiner Jugend beigetreten ist, kann es als eine natürliche Einstellung erscheinen, dass alles auf der Stelle verwirklicht werden muss. Warten ist scheiße. Also kriegen wir scheiß Jobs, die wir nicht behalten wollen (siehe oben), wir erwarten, dass sich die Organisation sofort verändert, sodass sie dem entspricht, wie wir denken, wie es sein sollte, oder dass sie bedeutende Ressourcen in ein wie auch immer geartetes Projekt des Monats versenkt, und wir legen uns mit jeder*m an, die*der anderer Meinung ist (denn offensichtlich liegen sie falsch). Wenn sich die Dinge nicht so entwickeln, wie wir wollen, und wir keine langfristige Perspektive für die Organisation bilden, dann können wir wirklich nur noch austreten und zu etwas anderem übergehen – zu einer anderen aktivistischen Formation, einer bezahlten Gewerkschaftsposition oder einfach zu einem „normalen“ Leben. Das erschwert es uns, erfahrene Mitglieder zu halten.

Von Ungeduld und Impuls können viele gute Dinge ausgehen. Ich könnte mich in Widersprüche verstricken, da auch ich neuere Mitglieder dazu ermutige, Veränderungen in der Organisation zu erwarten und zu fördern. Offensichtlich bedarf es einer Balance diesbezüglich. Viele Organisationen, ganz zu schweigen von vielen Leuten, versuchen Pläne für einige Jahre in der näheren Zukunft zu machen, um eine Strategie für mögliche, zu erwartende und erwünschte Resultate zu entwerfen. Zum Beispiel kann ein Betrieb eine Strategie für ein bestimmtes Maß an vertikaler Integration und Marktanteil haben oder eine Person mag ihre*seine Familiengründung planen, ein Haus erwerben, ihre*seine Karriere befördern; all das erfordert das Stecken realistischer Ziele und Zurückblicken [thinking backwards?]. Wenn wir uns alle die IWW vorstellen, wie wir sie gerne in 10 Jahren hätten, und unsere täglichen Tätigkeiten darauf stützten, wäre das ein großer Schritt vorwärts für unsere Organisation.

Beispielsweise lautet mein 10-Jahres-Plan für die IWW kurz gefasst, dass wir eine bekannte, grundlegende Kraft für nordamerikanische politische/wirtschaftliche Rahmenbedingungen sein sollten mit einer ausgebildeten, heterogenen und aktiven Mitgliederschaft, einem gewissen Maß an wirtschaftlicher Stärke und Präsenz außerhalb von Großstädten. Wir sollten zudem die Fähigkeit besitzen, relativ schnell als Organisation zu reagieren, wenn es nötig ist, sei es, weil Druck auf uns ausgeübt wird oder weil die Arbeiter*innenklasse aufgrund von Polizeigewalt oder Austeritätspolitik in Bewegung gerät.

Um konkret zu werden: Ich glaube, eine erreichbare Mitgliederzahl für das Jahr 2024 liegt in Nordamerika bei 10 000. (Wobei ich befürchte, dass dies zu bescheiden angesetzt ist, wenn mensch bedenkt, wie viel sich in den vergangenen 10 Jahren verändert hat.) Das ist das Zehnfache unserer derzeitigen Mitgliederschaft, doch würde die Organisation weit anders aussehen. Gerade bestehen in Nordamerika 51 Ortsgruppen mit einer gemittelten Größe von ungefähr 11 Mitgliedern. Lediglich fünf Ortsgruppen haben um die 50 oder mehr Mitglieder und sind stets in stattfindende Arbeitskämpfe eingebunden, wodurch sie einen Anziehungspunkt in ihren Städten darstellen, wie die Twin Cities (Bezeichnung für die Metropolregion Minneapolis-Saint Paul; Anm. d. Ü.), die Bay Area (Bezeichnung für die Region um San Francisco einschließlich Oakland an der Westküste Kaliforniens; Anm. d. Ü.) oder Portland (ich habe die Informationen dem General Organization Bulletin [GOB] (interner Newsletter der IWW; Anm. d. Ü.) #7 2014 entnommen, bei den 10 Ortsgruppen ohne Angaben habe ich je 10 Mitglieder angesetzt).

Für eine Gewerkschaft mit 10 000 Mitgliedern, nehme ich an, bräuchten wir 100 Ortsgruppen mit einer gemittelten Mitgliederzahl von 100: einige mehr, andere weniger, einige Städte mit mehreren Ortsgruppen. Das würde bedeuten, wir wären in viel mehr Städten präsent; außerdem wären wir in diesen Städten gut etabliert, in lokalen Arbeitskämpfen verortet und würden Arbeiter*innen anziehen, die Interesse am Aufbau einer radikalen Arbeiter*innenbewegung hegen. Wenn mensch anfängt sich vorzustellen, wie es aussehen könnte, wird klar, dass unsere aktuelle Struktur nicht mithalten können und unter all der Last zusammenbrechen wird. Wir müssten zu etwas übergehen, wo Verantwortlichkeiten sowohl kollektiver als auch übertragbarer sind. Was ich damit jedoch vor allem herausstellen möchte, ist der Punkt, dass ich persönlich nie zufrieden bin mit dem Status Quo, aber zugleich nicht erwarte, dass die Organisation sofort jeden Vorschlag, den ich einbringe, weiterverfolgt/befolgt. Die richtungsweisende Frage für alles, was ich in der Gewerkschaft tue, lautet für mich: „Hilft es, den Weg dafür zu ebnen, die Art Organisation zu sein, die dazu in der Lage ist, so zu werden, wie wir sein müssen?“ [Does it help set the path for us to be the kind of organization that is capable of becoming what we need to be?] (Oder, um es in die Gamer-Sprache meiner Jugend zu übersetzen: „Wird uns das weiterbringen, um ins nächste Level zu kommen?“).

5. Die Füße still halten können.

Das mag einer der wichtigsten Tipps für jede*n sein, die*der ein Langzeitmitglied werden möchte. Keine*r kann oder sollte die ganze Zeit dabei sein. Noch sollte jemensch das Gefühl haben, weniger aktiv zu werden bedeutet, sie*er könnte genauso gut gleich ihre*seine Mitgliedschaft aufgeben. Sich zurück zu halten kann viele Formen annehmen. Ich selbst habe es einige Male in unterschiedlicher Weise getan. Manchmal, vor allem wenn ich irgendwo war, wo es keine Ortsgruppe gab, habe ich alle Verbindungen gekappt, von E-Mail-Verteilern über Facebook etc. Doch ich blieb dabei, meine Mitgliedsbeiträge zu begleichen und ab und zu mit Freund*innen aus der Organisation zu plaudern. Zu anderen Zeiten stecke ich einiges an Energie in eine Ortsgruppe und bleibe dennoch ohne Verbindung über Verteiler u.ä. zur Gesamtorganisation. Wahrscheinlich kommt eine der Ursachen für Burn-Out daher, dass eine Person, die total abgeschnitten ist von konkreten Aktionen, sich nur ins „Second Life IWW“ (wie es ein*e Freund*in nannte) einklinkt – die IWW der E-Mail-Verteiler und Facebook-Posts. Diese Art des Abgeschnitten-Seins von jeglicher konkreter Tätigkeit ist der Grund für Streitigkeiten über Ideen, die viel hitziger und unverhältnismäßiger werden, weswegen es immer schwerer fällt, sich daran zu erinnern, warum irgendwer hieran beteiligt ist.

 

Über Reaktionen auf diese Vorschläge würde ich mich sehr freuen. An die anderen Langzeitmitglieder: Wie lautet eure Erfolgsstrategie? Was hätte dir jemensch vor sieben Jahren sagen sollen? An die neueren Mitglieder: Was sind deine Ziele für die Organisation und was hilft dir dabei, diese zu erreichen?

 

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Zuerst erschienen im Industrial Worker #1774 im Mai 2015.

 

Übersetzt ins Deutsche von Frieda Heumann und Jakob Schloer (IWW Berlin)