Gegen Verzweiflung angesichts der bestehenden Verhältnisse hilft praktische Solidarität
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts versammelten sich Arbeiter:innen in der US-Stadt Milwaukee in einem örtlichen Saloon, der heute als Cactus Club bekannt ist. Sie lasen radikale Literatur, sangen Lieder, spielten Instrumente, und gelegentlich empfingen sie als Mitglieder eines anarchistischen Buchclubs Gastredner:innen. Diese Arbeiter:innen gehörten derselben Gruppe an und wohnten im selben Viertel wie diejenigen, die 1886 für den Achtstundentag gekämpft hatten, wobei sieben Demonstrant:innen von der Staatsmiliz getötet wurden. Trotz zehnstündiger Arbeitstage an sechs Tagen in der Woche verbrachten diese Arbeiter:innen ihre Abende und ihren einzigen freien Tag gemeinsam in Freizeit und Solidarität. Wenn es Menschen gab, für die es gerechtfertigt gewesen wäre, solche Zusammenkünfte abzulehnen, um sich in ihrer knappen Freizeit zu Hause auszuruhen und zu entspannen, dann waren es diese. Stattdessen sahen sie ihre Zusammenkünfte als Oase der Erholung, in der sie eine Gemeinschaft aufbauten und sich organisierten.
Komfortzone verlassen
Betrachten wir nun die moderne Arbeiter:innenklasse. Unsere Arbeitstage sind in der Regel kürzer, unsere Arbeit ist körperlich weniger anstrengend und wir haben mehr Freizeit als unsere Kolleg:innen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Und doch sieht unser Engagement für den Aufbau von Gemeinschaft und für die Organisation einer besseren Welt ganz anders aus als das unserer Kolleg:innen aus vergangenen Tagen. Wir müssen Serien schauen und sind ständig der Versuchung der sozialen Medien ausgesetzt. Wir haben rund um die Uhr Zugang zu E-Mails, die uns auch außerhalb der Arbeitszeit an die Arbeit binden. Darüber hinaus erinnert uns die Populärpsychologie stets daran, dass es „in Ordnung ist, Nein zu sagen“ zu sozialen Verpflichtungen und dass es das Wichtigste ist, sich um das eigene Wohlbefinden zu kümmern. Dies kann tatsächlich für diejenigen, die sich zu sehr unter Druck setzen, eine wichtige Erinnerung sein – aber es dient auch als Ausrede für diejenigen, die ihre Komfortzone nicht verlassen wollen. Schuldgefühle und Scham sind keine guten Motivatoren, um eine nachhaltige und lebendige Arbeiter:innenorganisation zu schaffen. Daher versuche ich nicht, an diese zu appellieren. Aber ich bin fasziniert und verwirrt von der Motivation unserer Kolleg:innen aus dem frühen 20. Jahrhundert, die, obwohl sie zweifellos müde und erschöpft waren, ihre Zusammenkünfte über fast alle anderen Aktivitäten stellten, die ihnen zur Verfügung standen – während wir uns heute zu müde und emotional ausgelaugt fühlen, um uns überhaupt zu versammeln. Damals gab es etwas, das uns heute fehlt. Können wir behaupten, dass es uns heute schlechter geht als ihnen damals? Oder vielleicht ging es ihnen so viel schlechter als uns, dass ihre völlige Verzweiflung der Funke war, der das Feuer der praktischen Solidarität entfachte. Werden wir aus unserer Komfortzone herausgerissen, wenn unsere Verzweiflung einmal das gleiche Ausmaß erreicht hat? Möglicherweise. Ich habe jedoch das Gefühl, dass Verzweiflung nicht viel wirksamer ist als Schuldgefühle und Scham.
Hoffnung kann antreiben
Vielleicht hatten diese Radikalen des frühen 20. Jahrhunderts eine überzeugende positive Vision davon, was möglich wäre, wenn sie sich organisieren. Oder vielleicht spürten sie in ihrer Organisation tatsächlich die Realität der neuen Welt, die sie schaffen wollten. Vielleicht machte der Mangel an Unterhaltungsmöglichkeiten gesellschaftliche Zusammenkünfte attraktiver und spannender. Ich habe keine Antworten auf diese Fragen, sondern stelle sie nur. Was war damals so anders? Was motivierte sie, sich mit solcher Energie und Leidenschaft zu organisieren? Ist es möglich, heute eine vergleichbare Motivation zu finden? Wenn ja, wie? Wenn wir uns versammeln, Lieder singen und uns gegenseitig Gedichte und radikale Literatur vorlesen würden, würden wir dann die Antworten finden? Erfolge von Gewerkschaften von Organisierungsbemühungen sind hoffnungsvolle Zeichen. Hoffnung kann uns zu konkreten Maßnahmen antreiben und uns bei der schwierigen Arbeit der Organisierung unterstützen, wie ein Funke, der ein Feuer entzündet, und wie Brennstoff, der es am Leben erhält. Es herrscht eine Epidemie der Hoffnungslosigkeit und ein tiefes Gefühl der Schwere des Spätkapitalismus, das die kollektiven Schultern der Arbeiter:innenklasse – insbesondere der jüngeren Generationen – bedrückt. Ich habe dies selbst schon oft gespürt und bin unter dieser Last zusammengebrochen. Hoffnung allein reicht also nicht aus, aber Handeln ohne Hoffnung und ohne das Feuer der Solidarität ist sinnlos und zum Scheitern verurteilt.
Gelebte Solidarität
Doch wo finden wir Hoffnung in einer kalten Welt voller Spaltung, Ausbeutung und Entfremdung? Wir finden sie nicht bei unseren Arbeitgeber:innen oder den großen politischen Parteien. Wir finden sie nicht in der Berichterstattung der Mainstream-Medien oder den herrschenden Narrativen der Mächtigen. Wir finden sie bei einander, wenn wir es wagen, uns zu öffnen und uns gegenseitig unsere Verletzlichkeit zu zeigen. Das erfordert Vertrauen. Das erfordert einen echten Glauben an Solidarität. Das bedeutet, Risiken einzugehen. Ja, wir müssen Grenzen setzen. Ja, wir sollten auf uns selbst achten. Aber wir müssen auch wieder in die Gewässer des kollektiven Zusammenkommens und der praktischen, gelebten Solidarität zurückkehren. Denn hier entdecken wir weit mehr als nur Bewältigungsstrategien. Wir entdecken die Motivation und die Werkzeuge, um uns für die kollektive Befreiung zu organisieren. Gemeinsam können wir den Weg in die Zukunft gestalten, indem wir voneinander lernen und uns aufeinander stützen. Das Feuer, das in den Kolleg:innen brannte, die sich im Cactus Club in Milwaukee versammelten, hat die Erde nicht verlassen. Du hast eine Flamme, und ich habe eine Flamme, und wenn wir uns versammeln, haben unsere vermischten Flammen das Potenzial, zu einem mächtigen Feuer zu werden, das die Fesseln der Entfremdung, der Ausbeutung, der Hierarchie und all der Missbräuche und Misserfolge des Kapitalismus verbrennt. Hoffnung ist nicht das Ende. Aber sie könnte der einzig geeignete Anfang sein.
Andrew Wehrheim
Übersetzt und gekürzt aus Industrial Worker

