Segensreiche Sozialpartnerschaft


ÖGB und GPA-djp können sich nicht so ganz entscheiden, wie toll der jahrzehntelange Klassenfriede nun wirklich ist

Wir sehen es als Basisgewerkschaft nun wirklich nicht als unsere primäre Aufgabe an, ständig die großen Sozialpartnerschafts-Gewerkschaft ÖGB zu kritisieren – das machen die durch ihre Arbeit (Stichwort alljährliche Kollektivabschlüsse unter Inflation) schon selber. Aber manchmal muss man halt einfach. Dieser Tage flattert GPA-djp-Mitgliedern das aktuelle Zeitschriftenpaket ins Haus, bestehend aus der Kompetenz, dem Magazin der GPA, und dem ÖGB-Magazin Solidarität. Beim Durchblättern der Solidarität bleibt man an einem Artikel hängen, der sich im hinteren Drittel versteckt. „Die Sozialpartnerschaft – eine Stärke Österreichs“, lautet der Titel. Auf einer ganzen Seite wird hier der seit 1945 praktizierte Klassenfriede beschworen und als Erfolgsmodell gepriesen. Da zuletzt von rechten PolitikerInnen und von Industriellenvertretern die Sozialpartnerschaft immer wieder in Frage gestellt wurde, sieht sich der ÖGB bemüßigt, diese ihren Mitgliedern zu erklären. „Die Sozialpartner bemühen sich, Probleme und Herausforderungen im Dialog – also ohne offene Austragung von Konflikten – zu lösen und für alle Beteiligten akzeptable Lösungen zu erreichen.“ Eine Gewerkschaft, die Konflikte „offen“ austragen würde – wo kämen wir da hin? Jedenfalls nicht zu dem Erfolg, den die Solidarität-Redakteure besonders hervorheben: „Weil viele Interessen auf dieses Art und Weise verhandelt und gelöst werden, gibt es in Österreich einen ausgeprägten sozialen Frieden und EU-weit am wenigsten Streiks.“ Ja wunderbar, denn Stress und Konflikte mag ja wirklich niemand.

Aber halt, könnte sich das lesende ÖGB-Mitglied nun fragen: kann das überhaupt funktionieren? Immerhin will mein Chef immer was anderes als ich! Keine Angst, versichern da die ÖGB-RedakteurInnen: „Sozialpartnerschaft bedeutet nicht, dass unterschiedliche Interessen negiert werden oder dass es keine Auseinandersetzungen gibt. Vielmehr ist es so, dass zwischen den gegensätzlichen Interessen durch die Bereitschaft zum Kompromiss ein Ausgleich zum Vorteil aller gefunden werden kann.“

Zum Vorteil aller?

Uff, nochmal Glück gehabt. „Zum Vorteil aller“ klingt ja wirklich super! Entspannt nimmt das ÖGB-Mitglied nun die Kompetenz in die Hand und blättert. Da, etwa in der Mitte des Blattes, bleibt der Blick auf einer Seite voller groß gedruckter Zahlen hängen. „51-mal so viel wie seine MitarbeiterInnen verdient ein ATX-Manager“, steht da. „1,500.000 € verdiente im Schnitt ein Vorstand eines ATX-Unternehmens im Vorjahr“. Hm, na gut, denkt das ÖGB-Mitglied nun, vielleicht haben die Bosse der zwanzig größten börsennotierten Unternehmen unseres Landes halt doch so viel Verantwortung, dass sie so viel verdienen müssen?

Doch was liest man da in der nächsten Zeile: „172 % sind die Vorstandsgagen seit 2003 gestiegen – 30 % stieg in derselben Zeit das Medianeinkommen“, also das mittlere Einkommen. Oha, das betrifft mich dann vielleicht doch direkt, denkt sich nun das ÖGB-Mitglied. Und was hat das eigentlich mit „Partnerschaft“ und „zum Vorteil aller“ zu tun, wie es in dem anderen Artikel beschrieben wurde?

Auch die weiteren Fakten, die in der Kompetenz aufgelistet sind, sprechen eine deutliche Sprache:

„1/3 der Beschäftigten sieht sich Burn-out-gefährdet und jeder Dritte kennt Fälle von Burn-out.“

„52 % der Beschäftigten machen gelegentlich, 17 Prozent sogar häufig Überstunden.“

„70% aller Beschäftigten, die häufig Überstunden machen, wünschen sich kürzere Arbeitszeiten.“

„41,5 Std. beträgt die durchschnittliche Normalarbeitszeit in Österreich. Im EU-Schnitt sind es 40,3 Stunden. Nur in Großbritannien und Portugal wird länger gearbeitet.“

„1975 – also vor 42 Jahren – wurde zum letzten Mal die gesetzliche Arbeitszeit verkürzt: Es wurde die 40-Stunden-Woche eingeführt.“

Könnte das heißen, dass während der vergangenen 42 Jahre vielleicht doch eher die Interessen der Unternehmer und Industriellen zum Zug gekommen sind, und nicht jene der arbeitenden Menschen? Danke ÖGB, eure „Sozialpartnerschaft“ scheint ja wirklich super zu funktionieren.

 

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