Think it over! Eine Einführung in die Ideen der IWW


Think it over – Eine Einführung in die Ideen der IWW (dt.)

von Tim Acot

Auf den ersten Blick scheint alles selbstverständlich: Tagtäglich morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, kaum Freizeit haben, abends nach Hause kommen um zu Putzen, zu kochen, die Kinder zu versorgen und am nächsten Tag wieder dasselbe – bis ans Ende unserer Tage. Für viele von uns reicht der Lohn nicht einmal zum Überleben und das, obwohl noch nie in der Geschichte so viele Möglichkeiten bestanden haben, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Um all das geht es in diesem Gesellschaftssystem nicht: sondern um die Profite des Kapitals. Die Zukunft lässt nichts Gutes erahnen, wie der Blick auf Südeuropa, Asien oder Zentralamerika zeigt. Wir haben nur eine Hoffnung diese Entwicklung zu stoppen. Diese Hoffnung, dieses Werkzeug, heisst Solidarität. Jede*r Arbeiter*in muss für jede*n andere Arbeiter*in einstehen, egal wo du wohnst oder woher du kommst, egal ob du weiblich oder männlich bist, jung oder alt, wir müssen zusammenstehen, egal wo du arbeitest oder gerade Erwerbslos bist. Es gibt keine Alternative: Wir müssen zusammenstehen. Wir müssen unsere Hände über Grenzen und Meere hinaus ausstrecken. Wir müssen den Kampf jede*r Arbeiter*in so unterstützen als wäre es unser eigener – denn genau das ist er. Zusammen können wir gewinnen. Zusammen können wir die Welt zu einem besseren Ort zum Leben, zum Kinder Aufziehen und zum alt werden machen.

Die Direkte Aktion
Die Direkte Aktion kann definiert werden als der Gebrauch eines jeden Werkzeugs, jeder Taktik oder Strategie, die du selbst kontrollierst. Sie bedeutet, Taktiken zu anzuwenden, die dein Problem unmittelbar angehen. Sie ist einfach, kommt aus dem Alltag und du kannst ihr vertrauen. Sie gelingt oder scheitert abhängig davon, wie gut deine Idee ist, wie machtvoll du sie einsetzt und wie angemessen sie der Situation ist. Kandidat*innen zu wählen, die versprechen, deine Probleme für dich zu lösen, ist keine Direkte Aktion. Streiken, Bummel- oder Sitzstreiks sind Direkte Aktionen. Symbolische Proteste um mediale Aufmerksamkeit zu erlangen, in der Hoffnung dadurch Unterstützung oder Sympathie für die eigene Sache zu bekommen ist keine Direkte Aktion, egal welcher Taktik sich der Protest bedient. Den Streikposten gemeinsam mit Kolleg*innen aus einer anderen Branche, einem anderen Betrieb oder einem anderen Land zu besetzen, das ist eine Direkte Aktion. Mit der Direkten Aktion nutzen wir den täglich stattfindenden individuellen Widerstand gemeinsam. Wenn wir unseren Kolleg*innen ein bisschen mehr Zeit für ihre Aufgaben verschaffen, wir unseren “Dienst nach Vorschrift“ ableisten, wenn wir uns mehr Pausen nehmen als der Chef erlaubt. Dies sind bereits vereinzelte Direkte Aktionen. Die Kunst ist es, aus diesen individuellen Formen gemeinsamen Widerstand zu machen. Dann sind wir unschlagbar!

Ein kurzer Blick in die Geschichte
Es braucht nur einen kurzen Blick in die Geschichte um zu sehen, dass das, was uns gegeben wurde, uns auch wieder genommen werden kann. Die einzigen Gewinne, die wird hoffen können, zu behalten, sind jene, die wir selbst erringen und mit unseren eigenen Händen und Herzen verteidigen. Jene Krümel, die uns von Zeit zu Zeit von den Kapitalist*innen und der Regierung zugeworfen werden, werden immer zurückgenommen. Die Regierung handelt im Interesse des herrschenden Lohnsystems, nur so kann die Marktwirtschaft weiter als Konkurrenz Aller gegen Alle weiter bestehen. Wir können in Zukunft dasselbe von ihnen erwarten: vielleicht von Zeit zu Zeit ein kleines Zugeständnis, um uns zu verwirren und unsere Entschlossenheit zu schwächen, aber meistens Tritte, Schläge und das Zuschlagen von Zellentüren. Vertrauen können wir nur auf unsere gemeinsame Stärke – die zwar in uns schlummert, wir sie jedoch (bisher) täglich zu wenig nutzen. Direkte Aktion plus Solidarität bringt den Erfolg.

Jeder braucht eine Gewerkschaft
Seit den 1960er Jahren sind die Mitgliederzahlen der staatstragenden Gewerkschaften fast stetig gesunken. In Anbetracht der bürokratischen Natur der Gewerkschaften im deutschsprachigen Raum und der häufigen faulen Kompromisse, die geschlossen wurden, ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Arbeitenden heutzutage kein Vertrauen in Gewerkschaften haben. Wie sollten wir auch? Die politischenParteien werden um unsere Stimmen und Spenden werben, aber sie verteidigen das Lohnsystem und die Ausbeutung. Sie setzen dieKonkurrenz erst durch. Unsere einzige Option ist die Gewerkschaft. Wir müssen diese Gewerkschaften jedoch richtig aufbauen. Wir müssen sie so gestalten, dass wir sie kontrollieren und in sie vertrauen können, damit sie unseren Interessen dienen. So lange es das Lohnsystem gibt, so lange gibt es Chefs, Bürokrat*innen und Machteliten, die uns zum Zweck der Vermehrung des Kapitals als Werkzeuge benutzen. Dagegen setzten wir Gewerkschaftsdemokratie. Sie führt zu abrufbaren, gewählten Vertreter*innen, die direkt der Basis Rechenschaft ablegen. Allumfassende Entscheidungen werden direkt von allen Mitgliedern gefällt. Jeder Job, jede Aktion oder jeder Streik wird von den Belegschaften im Betrieb kontrolliert und beigelegt. Es gibt volle Transparenz und Kontrolle der Finanzen durch die Basis. Gewerkschaftsdemokratie bedeutet, so zu handeln, wie wir das in der IWW tun.

Gewerkschaftsdemokratie
Die Gewerkschaften, denen die meisten Arbeiter*innen heute angehören, insofern sie überhaupt Mitglied einer Gewerkschaft sind, zählen zu den undemokratischsten Organisationen auf der Welt. Funktionäre werden ernannt, nicht gewählt. Abschlüsse werden zum Teil gegen die Entscheidungen der Basis hinter geschlossenen Türen gefällt und dann nur noch zum Abnicken vorgelegt. Eigenständig handelnde Ortsgruppen werden von Gewerkschaftszentralen unter Zwangsverwaltung gestellt. Gewerkschaftsbosse werden lebenslang eingesetzt, ohne jemals in den Betrieb zurückkehren zu müssen, falls sie dort überhaupt jemals gewesen sind. Ist es eine Überraschung, dass Arbeitgeber*innenfreundliche Verträge und Gewerkschaftsbürokrat*innen alles Klischees sind, die mit der modernen Arbeiter*innenbewegung assoziiert werden, während kämpfende, militante Basisorganisierer*innen als ein idyllische Bild aus längst vergangener Zeit wahrgenommen werden? Um uns selbst und unsere Mitmenschen zu verteidigen, müssen wir uns in Gewerkschaften organisieren. Wir brauchen unsere vereinte Kraft, um gegen das Lohnsystem und ihren Vollstrecker*innen, den Chef*innen, gegenüberzutreten.

Eine basisdemokratische Gewerkschaft
Wir brauchen die Gewerkschaft, aber die Gewerkschaft, die wir brauchen, ist eine basisdemokratische. Wie sonst soll sie unsere, und nicht die Interessen der Bosse, befriedigen? Wie sonst können wir unseren eigenen Kampf kontrollieren, unsere eigenen Ziele und Themen bestimmen? Wir brauchen Kontrolle durch die Basis, betriebliche direkte Demokratie um unsere Kämpfe zu führen. Wir müssen für uns selbst einstehen, zusammen, in basisdemokratischen Gewerkschaften. Wenn wir unsere Gewerkschaft nicht kontrollieren können, dann können wir ihr auch nicht vertrauen. So einfach ist das.

Wobble ist ein Verb
Der zentrale Wert einer Gewerkschaft liegt darin etwas zu bewegen – in dem was sie bewegen kann. Was sie für dich, die deinen und die Klasse als Ganzes bewegen kann. Was du mit ihr bewegen kannst. Wie du sie nutzen kannst, um zu tun, was du tun musst. Bewegung kommt von bewegen – und kommt aus den Beinen. Es geht hier um’s Handeln und Taten – etwas zu bewegen – dich zu bewegen. Wenn wir während der Arbeit zusammenkommen um unsere gemeinsamen Probleme mit der vereinten Kraft unserer gemeinsamen Aktion zu begegnen, dann bewegen wir etwas. Wir reden nicht darüber, obwohl das auch wichtig ist, und wir suchen nicht nach medialer Aufmerksamkeit oder danach eine grosse Show zu veranstalten, obwohl auch diese Dinge mitunter sinnvoll sein können.

Zusammenschließen, um Probleme anzugehen
Wir handeln. Bewegen. Grammatikalisch ausgedrückt, sind wir die Subjekte, und das Problem ist unser Objekt, das wir durch gemeinsames Handeln zu ändern versuchen. Das ist Aktion, ein Verb. Im Amerikanischen beschreibt “to wobble“ gemeinhin eine Gruppenaktion, die ein Problem am Arbeitsplatz anzugehen versucht, ein Problem mit dem*der Chef*in, worin Probleme am Arbeitsplatz ja meistens bestehen. Den Arbeitsplatz zu “wobblen“ heisst, die Arbeit niederzulegen, langsamer zu arbeiten oder zusammen während der Arbeitszeit zum*r Chef*in zu gehen und ihn*sie in die Zange nehmen.
Kurz gesagt, sich zusammenzuschliessen, um Probleme direkt anzugehen. Eben darum geht es. Es passiert die ganze Zeit, und überall. Es ist ein notwendiger Teil des Arbeitsalltags. Auch du kannst es tun. Du und dein*e Kolleg*innen am Arbeitsplatz können die Situation “wobblen“. Das ist Arbeitsplatzkontrolle und das ist es, was wir aufbauen müssen, für unsere eigene Sicherheit und Gesundheit, um einen guten Ausgleich für unsere kostbare Arbeitszeit sicherzustellen, zum Spass und als Mittel gegen die Langeweile und Einsamkeit, die unsere Leben in der modernen Arbeitswelt bestimmen. Der Schlüssel für gutes “wobblen“, sich zusammenschliessen, ist eine Gewerkschaft. Das ist eine kleine Gewerkschaft, gleichbedeutend mit Kooperation und gemeinsamen Handeln von Kolleg*innen, Menschen mit denselben Bedürfnissen und in derselben Lage, d.h. die Menschen, mit denen du Tag für Tag zusammen arbeitest. Alleine sind wir schwach und ineffektiv. Zusammen haben wir beeindruckende Macht. Wir müssen diese Macht lediglich organisieren und sie für unser gemeinsames Wohl nutzen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Zusammen können wir gewinnen. Wir müssen es nur machen. Lasst uns jetzt handeln.

Wir haben nichts gemeinsam
Die arbeitende Klasse und die Klasse der Unternehmer*innen haben nichts gemeinsam“ – so steht es in der Präambel der IWW-Satzung. Das ist die Grundlage für unseren Ansatz. Sie bedeutet nicht, dass Arbeiter*innen und Bosse verschiedene Spezies sind, dass sie nicht dieselbe verschmutzte Luft atmen und dasselbe Wasser trinken, obwohl natürlich die Luft und das Wasser in Arbeiter*innenvierteln wesentlich schlechter sind als in den feinen Gegenden. Es bedeutet, dass beide Klassen, die zunächst einmal wirklich existieren, grundsätzlich ihrem Wesen nach im Konflikt stehen. Was gut für den Boss ist – billige, maximal kontrollierte und passive Arbeitskraft, ist schlecht für die Arbeiter*innen. Was gut für die Arbeiter*innen ist – maximale Kontrolle über die Arbeit, Arbeitsbedingungen, Ziele und Methoden und maximaler Ausgleich für unsere kostbar investierte Arbeitszeit ist der Tod für die Bosse, und sie werden diese mit aller Macht bekämpfen. Es ist nichts Persönliches, es ist nur eine systemische, unpersönliche, ökonomische Feindschaft, die man weder umgehen noch gefahrlos ignorieren kann. Es ist das Grundprinzip, das unser aller Leben bestimmt. Wenn der/die Chef*in zu kumpelhaft mit uns Arbeiter*innen umgeht und versucht unsere Freund*in zu sein, leidet das Geschäft. Wenn wir Arbeiter*innen zu freundlich zum/zur Chef*in werden, werden wir noch leichter ausgebeutet und betrogen.

Eigentlich ziemlich offensichtlich
Das ist ziemlich einfach und offensichtlich für alle Arbeiter*innen, die im Alltag aufmerksam sind. Kluge Chefs vergessen das niemals. Es ist in keiner Weise esoterisch, es ist nur pragmatisch und die logische Schlussfolgerung. Für Gewerkschaften bedeutet das etwas sehr radikales, d.h. es bezieht sich auf die Grundursachen und Lösungen. Es bedeutet Klassensolidarität. Alle Arbeiter*innen haben gemeinsame Interessen und einen gemeinsamen Klassenfeind. Es bedeutet Gewerkschaftsdemokratie. Wir sitzen im selben Boot und einzig und allein die Kontrolle durch die Basis kann die Gewerkschaft stetig und zuverlässig führen. Eine Gewerkschaft die wir nicht direkt kontrollieren, ist eine sehr reale Gefahr für unsere Interessen. Es bedeutet Militanz, denn es beleuchtet eine Situation des laufenden Klassenkampfs (ein nicht wirklich zu scharfer Begriff angesichts der Zerstörungen die er zur Folge hat), der gewonnen werden muss, um beendet zu werden. Wir müssen mit allen Mitteln unsere Interessen und unsere Sicherheit verteidigen. Es ist ein Krieg, Kolleg*innen, und so schlimm das ist, wir stecken täglich drin und können nur vorankommen, indem wir uns richtig organisieren und den guten Kampf führen. Die arbeitende Klasse und die Klasse der Unternehmer*innen haben nichts gemeinsam. Dies ist die offensichtliche Wahrheit, und wir können es uns nicht leisten das zu ignorieren.

Arbeitsrecht auf die Schnelle
Das Arbeitsrecht ist ein Studienbereich, in dem man einen Doktorabschluss und damit eine ziemlich lukrative Karriere machen kann. Du könntest in einem grossen schicken Haus wohnen, schicke Kleidung tragen und deine Kinder auf die besten Schulen schicken. Das ganze schöne Paket. Natürlich hättest du dann nichts mehr gemein mit den Menschen, für die du dich tagtäglich einsetzt, aber welche*r Anwält*in hat das schon? Verstehe mich nicht falsch. Wir schätzen unsere Anwält*innen, gerade dann wenn es um unseren Arsch vor Gericht geht. Wir wollen sie scharfsinnig und sie sollen jedes Detail des komplizierten Arbeitsrechts kennen. Aber du und ich haben nicht die Zeit und das Geld Arbeitsrecht zu studieren. Wir müssen jedoch über ein Basiswissen im Arbeitsrecht und seinen Auswirkungen auf unser alltägliches Arbeitsleben verfügen. Kurz und knapp: Das Arbeitsrecht wird von den Bossen, der Regierung und dem Gerichtswesen geschaffen um dich und mich, die Arbeiter*innen, davon abzuhalten, uns zu organisieren und für unseren Teil des Kuchens zu kämpfen, aus Angst, wir könnten den ganzen Kuchen verlangen, und eines Tages in der Lage sein, ihn uns zu nehmen. Die Grundidee ist, dass du zwar eine Gewerkschaft haben kannst, diese aber nur für bestimmte Dinge kämpfen kann. Sie muss einem ausgeklügelten Regelsystem folgen, an die sich Bosse und ihre Freund*innen in der Praxis gar nicht halten.

Du siehst, solange wir das Lohnsystem nicht abschaffen, können wir höchstens über ein paar unwichtige Dinge entscheiden. Wir entscheiden nicht kollektiv darüber, welche Bedürfnisse wir wie befriedigen – sondern ob die Herrschenden Schwarze, Rote, Grüne oder Gelbe Farben in ihren Hochglanzprospekten verwenden. Der Fluss des Geldes, der Produkte, Güter und Dienstleistungen, der Nahrung und Unterkünfte, medizinischer und pflegerischer Versorgung und Urlaubsspass: Dieses Zeug fällt unter das andere System der Entscheidungsfällung. Du kannst es Kapitalismus nennen oder Marktwirtschaft oder was auch immer du magst. Das Arbeitsrecht ist das Produkt eines historischen Kompromisses zwischen Staat und Kapital zur Befriedung des Klassenkampfes. Im Kalten Krieg war es ein Mittel um zu vermitteln, dass der Kapitalismus das sozialere Gesellschaftssystem sei. Hier wird dies verharmlosend “Sozialpartnerschaft“ genannt und ist der Grund, warum viele Menschen bis heute glauben, dass in der BRD “alles halb so schlimm“ sei.

Heute herrscht die Bundesrepublik den anderen EU-Staaten ihre Niedriglohnpolitik auf und präsentiert sich als Wohltäterin, an der sich alle anderen Staaten ein Vorbild zu nehmen hätten. Die starke ökonomische Stellung der BRD und die stillhaltenden Gewerkschaften mit ihrer Orientierung an Produktivitätssteigerungen führten zu jetzigen Situation. Diese Gesetze sind nicht für uns gemacht, sondern sollen uns klein halten und verhindern das wir “zu aufmüpfig“ werden. Sei achtsam und sehr vorsichtig, was du tust und sagst. Wenn du das Spiel nach ihren Regeln spielen willst: Geh los, organisiere dich, und gründe einen Betriebsrat und warte ab. Es mag Zeiten geben, in denen dies sinnvoll sein mag. Aber lass niemals zu, dass dein Boss das Spielfeld bestimmt und das Sagen hat. Das war das Arbeitsrecht in der Kurzversion. Halt lieber statt dessen nach allen Seiten Ausschau und nutze deine Kreativität und vor allem die Hilfe deiner Kolleg*innen und jede andere Strategie, Taktik und clevere Idee, die dir einfällt. Wenn du sie die Regeln und das Spielfeld bestimmen lässt, hast du kaum Chancen zu gewinnen.

So einfach ist das. Sieh dir mal die IWW an. Denk darüber nach, organisiere dich und kämpfe für das ganze Produkt deiner Arbeit, auf Wobbly-Art. Lass nicht sie die Ansagen machen und setze selbst die Regeln. Wir machen die Arbeit. Wir stellen das Zeug her und schleppen es herum. Wir pflegen unsere Kolleg*innen, Kinder und Kranken. Wenn wir uns selbst organisieren um unsere Interessen voranzubringen, dann können wir den Reichtum, den wir produzieren, und die Arbeit die wir machen, teilen, sodass wir genug haben um mit allen nach unseren Bedürfnissen eine solidarische Gesellschaft aufzubauen.

Wir vergessen nie
“Wir vergessen nie“. So steht es auf vielen der alten IWW Sticker und Poster, insbesondere aus den 1920er Jahren, als die amerikanischen Gefängnisse voll mit Wobblies waren wegen “kriminellem“ Syndikalismus, Sabotage und Aufwiegelung. Offensichtlich war eine Bedeutung des Slogans, dass wir diese Kolleg*innen niemals im Stich lassen würden, bis sie nicht wieder frei sind. Dieses Versprechen haben wir gehalten – und werden es weiterhin halten. Wir taten weiterhin alles, hielten weiter daran fest alles zu tun, um unsere Brüder und Schwestern freizubekommen, weggesperrt im Klassenkampf, der in diesen vergangenen Zeiten so brutal geführt wurde. Aber der Slogan hat auch noch eine andere Bedeutung. Eine, die bedeutsamer ist und heute noch besser zutrifft, wo der Klassenkampf sich gerade wieder warm läuft. Es ist das, was der verstorbene Wobbly und weise Vordenker Bruce “Utah“ Phillips das “lange Gedächtnis“ nannte und was er als unsere gefährlichste Waffe beschreibt, unser grösstes Werkzeug. Vielleicht ist es das alte Ding der Geschichte, die dich entweder anleitet oder gefangen hält. Heutzutage wird alles Alte entweder nicht respektiert oder weggeworfen, zu unserem grossen Unglück und Verlust. Die alten Geschichten sind in Vergessenheit geraten, die alten Menschen ignoriert. Nicht jedoch bei uns in der IWW, und das ist unsere Stärke. Ein Ass in unserem Ärmel, genau, wenn es benötigt wird.

Was können wir von diesem langen Gedächtnis gewinnen, dieser scheinbar überholten Beschäftigung mit der Vergangenheit? Diese Geschichten beinhalten beständige Wahrheiten, Beispiele dessen, wie die Arbeiter*innenklasse mit der Intensität des Kampfes umgegangen ist, mit der härteren Auseinandersetzung vergangener Zeiten. Wir können diese alten Taktiken nicht einfach kopieren und sie als Vorlage nutzen, der wir eins zu eins folgen. Das wäre Unsinn. Aber das Wissen darum, wie die Wobblies vor etlichen Jahren ihre Probleme betrachtet haben und wie sie ihre Prinzipien und ihr Wissen in ihren vielen Kämpfen und Schlachten angewandt haben, ist Gold wert, das gehoben und verfeinert werden muss. Wie diese schon lange toten Kolleg*innen es angegangen sind, in ihrem täglichen Leben, ihre Denk- und Herangehensweisen, ihre geteilte Analyse, wenn du so willst, das ist es, was wir heute an Wissen brauchen, um uns auf den Weg zu machen. Die Zeiten haben sich verändert und die Dinge sind nun anders, aber die Grundlagen bleiben dieselben.

Der Klassenkampf wütet noch immer noch, mal heisser, mal kühler. Derselbe Wahnsinn treibt noch immer unsere Klassenfeinde zur bewussten Zerstörung alles dessen an, was sie umgibt. Dieselbe Gefahr und Boshaftigkeit belauert die Tage und Nächte unseres Lebens. Dieselben Regeln gelten, heute anders formuliert und anders angewendet. Die Weisheit der Erfahrung, die durch 105 Jahre aktiver Beteiligung im Klassenkampf angesammelt wurde, erkauft mit Blut und Leid, die Tage und Jahre der Erfahrung unserer mehr als einer Million Kolleg*innen zählenden Gewerkschaftsgeschichte (das X in eurer Mitgliedskartennummer bezeichnet eine Million, daher bin ich X344468, bin der*die 1344468teste Arbeiter*in mit einer Red Card).

Sie sind grösstenteils schon verloren, diese Geschichten und Momente, diese längst vergangenen Leben der einfachen Kämpfer*innen und brillanten Denker*innen wie Elizabeth Gurley Flynn, glühenden Redner*innen wie Big Bill Haywood und verbissenen Organizer*innen wie Lucy Parsons und viele mehr, wenn wir nun unsere Red Card besitzen und unseren monatlichen Beitrag zahlen, führen wir den selben Kampf weiter, halten dasselbe rote Banner hoch und tragen es ein Stück weiter in Richtung des “Gemeinschaftswerkes der mühevollen Arbeit, das es sein soll“ (Anspielung Ralph Chaplins Wobbly-Song: The commonwealth of toil). Wir reihen uns ein in die Reihe von Klassenkämpfer*innen, die sich durch das Jahrhundert und durch die Generationen zieht. Meine Grosseltern waren keine Wobblies, aber viele andere waren es. Wir versuchen ihr Wissen und ihre Gedanken weiterzutragen in der Hoffnung, dass diese Einsichten uns helfen eine neue Welt in Frieden aufzubauen.

Hilf mit, die Arbeit voranzubringen!
William D. Haywood, auch bekannt als Big Bill, unterzeichnete seine Briefe und Korrespondenz meist mit “Hilf mit, die Arbeit voranzubringen, William D. Haywood“. Er war für viele Jahre, in unseren turbulentesten Zeiten, Organizer, Sekretär und Schatzmeister der IWW, und ein grosser Anführer. Diese Schlussformel sagt eine Menge über seine Einstellung und die Gewerkschaft zu dieser Zeit aus. Wir haben uns zusammengeschlossen, damals wie heute, um unser Ziel zu erfüllen, für uns selbst und alle, für unsere Klasse und für zukünftige Generationen. Diese Aufgabe, einfach dargestellt in der Präambel, ist die Abschaffung des Lohnsystems. Eine neue Gesellschaft in der Schale der alten zu erbauen. Ein für alle Mal die Tyrannei der Herrschaft, der Ausbeutung von Arbeiter*innen zu beenden.

Es ist eine riesige Aufgabe. Viel zu gross um von eine*r Held*in oder einer kleinen heldenhaften Gruppe erreicht zu werden, egal wie mächtig sie sein mögen. Es ist eine immense Aufgabe, die wir solange angehen werden, wie es nötig ist, egal wie viele Schlachten und wie viele Stunden der freiwilligen Arbeit und Überlegung; egal wie viele Aufgaben, kleine wie grosse, erledigt werden müssen: stundenlanges Reisen, die Zeitung rechtzeitig rausbringen, Ausgabe für Ausgabe, Jahr für Jahr; viele Treffen und Diskussionen, Wahlunterlagen drucken, versenden und zählen, Mitgliedsmarken in kleine rote Bücher kleben, Beiträge zählen und abrechnen.

Das meiste davon ist nicht sonderlich sexy. Es klingt geschäftsmässig, und ist oft mühselig. Harte Arbeit erleichtert durch viele Hände, geteilte Stunden und kleine Schritte. Manchmal nur die Stellung gegen Rückschritte halten. Manchmal noch nicht mal das. Es gibt kleine und grosse Sprünge. “Jedes Mitglied ist Organizer*in, “Wir alle sind Anführer*innen“. “Wenn jeder Wobbly einen neuen Wobbly in der Woche gewinnen würde, hätten wir das kooperative Gemeinwesen schon in ein paar kurzen Jahren.“ Hilf, die Arbeit voranzubringen. Die Arbeit: Bildung, Organisation, Emanzipation. Dies sind die Namen der drei Sterne auf dem IWW Emblem, auf jeder Red Card und jedem Button.

Bildung, für dich selbst und die Kolleg*innen. Organisation, für dich und die Kolleg*innen. Emanzipation unserer Klasse im Kampf, im Krieg, und auf der Erde, die uns alle ernährt und aushält.

 Willst du dich unserer Arbeit anschliessen? Helfen, die Arbeit voranzubringen? Hast du schon was besseres vor?

Übersetzt von einem Autor*innenkollektiv Bremen| Berlin | Kassel