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Die IWW ist eine basisdemokratische, von Arbeiter_innen geführte weltweite Gewerkschaft für alle Arbeiter_innen an allen Arbeitsplätzen.
Engagiert in der Organisierung in unseren Betrieben und unserem sozialen Umfeld.

Gegründet 1905, stehen wir zu unseren Prinzipien, dass die Klasse der Arbeiter_innen und die Klasse der Unternehmer_innen nichts gemeinsam haben und die Ausbeutung durch das Lohnsystem überwunden werden muss.
Durch Organisierung von unten, basierend auf Solidarität, formen wir die neue Gesellschaft in der Schale der Alten.

Nächste Veranstaltungen

Neuigkeiten

  • Pirker macht Kassa

    Pirker macht Kassa

    CEO und Mehrheitseigentümer Horst Pirker hat mit der Ausschlachtung der „Verlagsgruppe News“ begonnen

    Jetzt ist die Katze aus dem Sack. Wer sich im Juni darüber gewundert hat, warum der Geschäftsführer der „Verlagsgruppe News“ (VGN), Horst Pirker, die Anteile des deutschen Verlags Gruner+Jahr gekauft hat, weiß nun: der Mann hat einen Plan. Pirker informierte am Montag, 26.9., die VGN-Mitarbeiter per Mail über die bevorstehenden Umstrukturierungen in dem Unternehmen, das derzeit mit zwölf Magazinen (darunter News, Profil, Trend, TV-Media, Woman) den österreichischen Zeitschriftenmarkt beherrscht. Dabei stimmte er die alte Leier an: Wegen Digitalisierung und Umbrüchen in der Medienlandschaft brachen die Verkäufe von Heften und Anzeigen ein, deshalb muss nun „gespart“ werden. Und wo? Bei seinem Gehalt? Nein: Beim Personal. Weil: „Kosten senken heißt – gerade in einem Medienunternehmen – dass die Personalkosten gesenkt werden müssen, weil sie einen großen Teil der Gesamtkosten ausmachen“, so Pirker in dem Schreiben, dass der IWW Wien zugespielt wurde.

    Was Pirker in dem Schreiben an die VGN-Angestellten allerdings nicht sagt – sehr wohl aber gegenüber den Medien erläuterte – ist Folgendes: die Einnahmen und Ausgaben der Verlagsgruppe News sind bereits jetzt stabil. Für 2017 erwartet der Mehrheitseigentümer und Geschäftsführer Pirker sogar eine „positive Entwicklung“, sprich schwarze Zahlen, sprich Gewinne. Und trotzdem will er jetzt ein Fünftel der freien und angestellten Mitarbeiter loswerden. Das kann nur einen Grund haben: Pirker will nicht einfach eine „positive Entwicklung“, er will ordentlich die Kassa klingeln hören. Immerhin hat er vor ein paar Monaten ein paar Millionen Euro für die Anteile von Gruner+Jahr auf den Tisch gelegt – das muss sich jetzt für ihn rentieren.

    Eine gar nicht so gewagte Prognose: Pirker – der auch blumig von der neu zu erringenden „Relevanz“ der VGN-Magazine schwafelt – kürzt in den kommenden Monaten so weit, dass einige Magazin-Titel nicht mehr funktionieren werden, andere Titel durch die Kürzungen ordentliche Einnahmen generieren werden. Dann verkauft er die gewinnbringenden Titel zu wahnwitzigen Preisen an einen anderen Verlag, dessen CEO‘s ebenfalls keine Ahnung von Journalismus, aber dafür umso größere Euro-Zeichen in den Augen haben. Auf der Strecke bleiben werden dabei erneut Teile der „Gesamtkosten“ in Gestalt der Angestellten und freien MitarbeiterInnen des Medienunternehmens – wenn sie sich nicht bereits jetzt energisch gegen die geplanten Umstrukturierungen zur Wehr setzen.

     

    IWW Wien, X362256

    Foto: Screenshot von vgn.at

  • Kennenlernworkshop 23.09.2016

    Kennenlernworkshop der IWW-Wien

    Ort: Amerlinghaus, Veranstaltungsraum EG. Stiftgasse 8, 1070 Wien.

    Datum: 23.09.2016, um 19:00 Uhr

    Der Eintritt ist frei!

    Die IWW unterscheidet sich sowohl in ihren Strukturen als auch in der Arbeitsweise stark von den in unserer Gesellschaft etablierten Gewerkschaften. Diese der Sozialpartnerschaft verpflichteten Interessenvertretungen ignorieren Gruppen von Beschäftigten, die in der IWW eine kräftige Organisation nicht für die Vertretung, sondern die Ausübung ihrer Interessen findet. Die Grundlage bildet eine basisdemokratische Struktur, Mittel sind das Organizing oder im Arbeitskampf die Direkte Aktion. Als internationale Gewerkschaft bietet die IWW die Grundlagen, der globalen Verschlechterung unserer Arbeits- und Lebensbedingungen entgegenzuwirken.

    Der Workshop zum Kennenlernen der IWW widmet sich unseren Prinzipien, unserer langjährigen und kämpferischen Geschichte sowie unserem Ansatz für die Anwendbarkeit unserer Strategien und Taktiken auf unterschiedliche Arbeitsplätze. Wenn Du nach Alternativen gewerkschaftlicher Organisation suchst, Fragen zur IWW hast oder mehr über die Wobblies erfahren willst, dann komm vorbei!

  • Da kann mensch stricken was mensch will!

    Ende September präsentieren Teilgewerkschaften des Österreichischen Gewerkschaftsbundes den längsten Schal Österreichs. „Stricken gegen die soziale Kälte“ lautet das Motto, mit dem der ÖGB seine „Direkte Aktion“ schmückt. streikstricken

    Zum Hintergrund: Einsparungen im Sozialbereich, wie sie in vielen Bundesländern üblich sind, haben neue Dimensionen angenommen. Sehr viel Aufmerksamkeit in den Medien erfährt dazu derzeit das Land Oberösterreich. Aber auch in anderen Gebieten wie zum Beispiel in Wien werden kleinere Projekte der Sozialen Arbeit eingespart oder gekürzt. In der Steiermark wurde rigoros um 25% gekürzt. Kurz: Sparen ist das neue Paradigma! Die Bundesregierung schaut vor allem im Bereich der offenen Jugendarbeit voller Begeisterung in Richtung Irland. Im Vergleich zur Sozialen Arbeit sowie der Gesundheitsvorsorge auf der grünen Insel gibt es in Österreich noch unheimlich viel Einsparpotential. Billig ist das System in Irland, aber auch eines der schlechtesten in der ganzen EU.

    Und die größte Gewerkschaft Österreichs macht was? Jahrelang werden Einsparungen hingenommen, engagierte Betriebsrät*innen im Sozial Bereich in der Luft hängen gelassen, und alternative Gewerkschaften sofort niedergemacht, um die Position zu wahren. Kein Fünkchen Macht darf verloren gehen, wie geschehen bei Asklepios im KAV-Konflikt.

    Der ÖGB nimmt nur sich selbst bzw. in ihm organisierte Gewerkschaften als Gewerkschaft wahr, da er Kollektivverträge scheinbar verhandelt. Die lächerlich geringen jährlichen Lohnerhöhungen, vertraglich festgelegten Ausnahmen, die Lohndrückerei gerade im Sozialbereich ohne weiteres erlauben, sind ja bekannt.

    Und nun, nachdem die Konflikte ausgesessen wurden und zeitgleich scheinbar empörte Presseaussendungen getätigt wurden, wird gestrickt. Der längste Schal gegen soziale Kälte wird dann am Stephansplatz präsentiert.

    Wir sagen: da kann mensch stricken was mensch will. Im Sozialbereich wird solange eingespart und zu Tode gekürzt, solange die Arbeiter*innen sich nicht organisieren und gemeinsam für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen und das ihrer Adressat*innen eintreten. Solange jede Einsparung kommentarlos hingenommen wird, wird sich in diesem Berufsfeld immer mehr das Paradigma der Normalisierungsarbeit entwickeln und im Endeffekt zu einer systemfunktionalistischen Elendsverwaltung verkommen.

    Statt zu stricken, sollte einfach einmal gestreikt werden. Um zu zeigen, dass wir Arbeiter*innen im Sozialbereich nicht jede Ungerechtigkeit hinnehmen. Für uns gilt das Argument „Kein Geld ist da“ nicht, wenn gleichzeitig die Etats von Militär, Banken und der Polizei erhöht werden, damit sie, so die Argumentation der Politik, ihre Arbeit ordentlich machen können. Und der Sozialbereich soll weiterhin mittellos und lohngedumpt Wunder bewirken.

    IWW-Wien – I.U. 610 (Gesundheit und Soziales)

  • dringender Spendenaufruf

    Helft mit eine Delogierung einer unserer Fellow Worker in Liverpool zu verhindern! Jeder Betrag hilft.

    Aufgrund von rassistischer Übergriffe siedelte die betroffene Fellow Worker um, dort wurde sie Opfer von sexualisierter Gewalt und diese Ereignisse führten zu einer Spirale aus psychischen Problemen und damit auch Mietrückständen. Damit sie in ihrer Wohnung bleiben kann, wird nun für sie gesammelt.

    Ihr könnt auf das Konto der IWW-Wien spenden oder direkt. Die Spenden dir direkt auf das Konto der IWW-Wien eingehen, werden gesammelt überwiesen.

    Kontoverbindung:

    Name: Gewerkschaft Industrial Workers of the World Wien

    IBAN: AT954443025619910000

    BIC/SWIFT-Code: VBOEATWWWRN

    Verwendungszweck: Soli Liverpool

    Weitere Infos oder die Möglichkeit direkt zu spenden findet ihr hier (in englisch).

     

  • Wobbly ein Leben lang – Für einen Aktivismus der länger als die Studienzeit dauert

    Die antiautoritäre Linke ist eine Bewegung deren statistisches Ausstiegsalter bei 27 Jahren liegt. Das es auch anders geht zeigen (leider nur) einige wenige gute Beispiele. Um dieses Thema geht es auch in der weltweiten Basisgewerkschaft IWW. Eines der Mitglieder beschäftigt sich mit den Bedingungen wie es gelingen kann ein Leben lang Wobbly zu sein.

    Du hast also zum dreizehnten Mal deine Beiträge bezahlt und dein Delegate deine niegel nagel neue Red Card ausgefüllt, die dich nunmehr 5 Jahre begleiten wird und damit die schnöde einjährige Starterkarte ersetzt? Wenn dem so ist, zunächst einmal, herzlichen Glückwunsch und ein Tipp: Versuch sie gar nicht erst in deiner Brieftasche aufzubewahren, das klappt eh nicht. Zweitens, lass uns darüber nachdenken, wie wir sicher gehen können, dass dies nur eine von vielen Fünfjahreskarten sein wird. In den USA haben wir das Ziel in 10 Jahren 10.000 neue Wobblies zu gewinnen. Sollte uns das gelingen, vor allem im Hinblick darauf, dass wir weiterhin eine Basisgewerkschaft sein wollen, die von den Mitgliedern am Laufen gehalten, geführt und finanziert wird, müssen wir ebenso über die hohe Mitgliederfluktuation reden. Nicht allein aus der Logik der Mitgliedszahlen heraus, sondern aus der Notwendigkeit heraus, dass eine Basisgewerkschaft nur funktionieren kann, wenn es eine bestimmte Anzahl an Mitgliedern gibt, die willens und fähig sind, sich kritisch mit der eigenen Gewerkschaft auseinander zu setzen, neue Ideen einzubringen und Strategien zu entwickeln, die einer konstruktiven Diskussion zuträglich sind. Die Tatsache, dass manche Neumitglieder nur EINEN Monat dabei bleiben, sollte uns traurig stimmen und wir sollten überlegen, wie so etwas nie wieder passiert. Nichtsdestotrotz stellt ein ebenso drängendes Problem das Verheitzen der Leute dar, die mittelfristig dabei bleiben, d.h. ihr erstes Jahr hinter sich haben, aber noch keine Fünfjahreskarte vollgemacht haben. Obwohl diese Leute bereits einiges an Energie, Geld und Zeit in die IWW gesteckt haben, hören sie auf einmal auf. Das kann in einzelnen Fällen sogar dazu führen, dass sie ganz aufhören gewerkschaftlich aktiv zu sein oder ein/e Hauptamtliche/r in einer DGB Gewerkschaft werden, sprich es kann unbemerkt oder kontrovers vonstatten gehen. Wie auch immer sich dieser Prozess gestaltet, steht fest: Wenn er sich ungebrochen fortsetzt, verlieren wir die Fähigkeit, eine pluralistische und demokratische Organisation zu sein. Und dies ist etwas, worüber wir unbedingt reden müssen. Im Folgenden möchte ich allen Wobblies, die bereits länger als ein Jahr dabei sind, ein paar Tipps geben, wie sie in der IWW ein langfristiges Zuhause finden.

    1. Schaff dir ein Hobby oder zwei oder drei an (sei mit Leuten in der IWW befreundet, aber halte auf jeden Fall Kontakt zu Freund*innen außerhalb).

    Ich bin immer sehr skeptisch Leuten gegenüber, deren ganzes Leben linker Politik und Theorie gewidmet ist. Manche würden zynisch darauf erwidern, dass dies genau die Leute sind, die dann zu kleinen Stalins werden. Inwiefern dies stimmt, vermag ich nicht einzuschätzen, und es ist auch nicht meine Sache, dies zu tun. Das Problem, das wir aber haben, liegt an dem Umstand, dass es zurzeit keine ernstzunehmende radikale ArbeiterInnenbewegung gibt und alle Versuche, sich hundertprozentig radikaler Politik zu verschreiben, doch eher einem Kampf gegen Windmühlen gleicht. Eben diese Mentalität und dieser Lifestyle tragen zur Entstehung von Politsekten bei, statt zu einer breiten Bewegung zu führen, die eine Vielzahl an Lohnabhängigen anspricht. Vergleichen wir dies nun mit Nerdtum in anderen Bereichen, sprich Menschen, die all ihre intellektuelle und soziale Energie dafür aufwenden, in einem speziellen Feld ein/e MeisterIn zu werden (z.B. der Comicbuchverkäufer bei den Simpsons). Ich glaube, genau dies kann einen Teufelskreis auslösen, in dessen Folge die eigenen sozialen Fähigkeiten leiden und deshalb noch stärker versucht wird, dies durch Fähigkeiten und Wissen in diesen Spezialbereichen auszugleichen. Letztendlich gibt es nur noch in diesen Bereich soziale Interaktionen, wodurch bewusst oder unbewusst immense Barrieren aufgebaut werden, wenn Menschen von „außerhalb“ in den Kreis integriert werden sollen.

    Wir alle kennen genau diese Art von Menschen, welche dann auch AktivistInnen geworden sind. Aber anders als in einem Bikerclub oder Lesekreis sind wir eine demokratische Organisation, die Entscheidungen über wichtige Themen fällen muss. Und leider sind es genau diese Leute, die eine sehr genau Vorstellung davon haben, wie die Organisation laufen soll, und, wenn dem nicht Folge geleistet wird, werden sie auch schnell mal sehr laut. Wenn dann auch noch mehr als ein Politnerd anwesend ist, gehen sie sich schnell an die Gurgel oder jeder anderen Person, die eine Meinung hat. Nach einiger Zeit brennen diese Leute dann aus, da es sie frustriert, dass die Gruppe oder die Organisation als Ganze die falschen Entscheidungen trifft, oder sie vergiften die interne Diskussions- und Entscheidungskultur so sehr, dass sie vom Rest gebeten werden müssen, zu gehen. Es wäre ja schon fatal, wenn dies “nur“ zerstörerisch ihnen selbst gegenüber wäre. Doch in der Regel, wenn diese Personen die Organisation verlassen, haben sie bereits andere Leute so stark beeinflusst, dass diese ebenfalls gehen oder eben gar nicht erst beitreten.

    Ihr werdet die ersten Zeichen erkennen, vor allem wenn euer/eure engste KollegIn anfängt, Sachen zu sagen wie: „Es ist wahr, dass sich diese Personen wie Idioten aufführen, aber sie haben in der Vergangenheit einiges für die Gewerkschaft getan“, oder Ähnliches. Lasst nicht zu, dass euch das auch passiert, denn zu diesem Zeitpunkt mag es schon zu spät sein. Deshalb sucht euch Aktivitäten außerhalb der Gewerkschaft, die euch Spaß machen, geistig fit halten und in Kontakt zu Leuten außerhalb der Ortsgruppe treten lassen. Wenn Leute dich auf Arbeit nach deinen Hobbies fragen und du noch nicht bereit bist über die Gewerkschaft zu reden, kannst du mehr sagen als „Öhhhmmm…also…“

    2. Versuch dir einen Job zu besorgen, der dich nicht verrückt macht und den du dir vorstellen kannst, mittel- wie langfristig zu machen.

    Ich bin überzeugt davon, dass ein Grund dafür, dass wir eine so hohe Fluktuation an Mitgliederein- und austritten haben, damit zu tun hat, dass manche AktivistInnen bewusst oder unbewusst wie Che Guevara leben wollen. Neumitglieder, vor allem in ihren frühen Zwanzigern, noch in der Ausbildung befindend oder gerade beendend, werden dazu ermutigt, in Bereichen zu salzen, die meistens neben gerade mal dem Mindestlohn generell scheiß Arbeitsbedingungen aufweisen. Von ihnen wird dadurch quasi erwartet, ihr Leben in den Pausenmodus zu stellen, während sie dort arbeiten um zu organisieren. Dabei gibt es allerdings ein Problem: Wenn die Entscheidung nur als eine individuelle getroffen wird ohne eine Strategie dahinter, ist sie nur eine andere Form von Aktivismus (z.B. Aktionismus um des Aktionismus willen). Der Event-Hopper Lifestyle und der, sich mal ne Weile in einen Betrieb „einzuzecken“, haben vieles gemein und es sollte daher nicht überraschen, dass diese vor allem für Anfang-Zwanziger anziehend sind. Wenn dies jedoch zum Fokus der Gewerkschaft wird, werden ältere KollegInnen in anderen Bereichen schnell sich entfremdet von ihnen und deren Problem fühlen und sich langsam abwenden. Dies würde uns schnell auf eine Gewerkschaftssozialstruktur werfen, die vor allem junge (Szene-) Leute repräsentiert mit einer verschwindenden Relevanz für “ältere“ KollegInnen. Währenddessen wird ab einem bestimmten Punkt jede Person in diesen prekären z.B. Einzelhandelsjobs nach einem besseren Job suchen. Vielleicht sogar nach etwas, ohne eine Organisierungsperspektive und dem ganzen damit verbundenen sozialen und aktivistischen Arbeitsdruck. Die Leute, die salzen gegangen sind, werden nach Jobs Ausschau halten, mit der sie ihre Rechnungen pünktlich bezahlen können, wo ihnen vielleicht sogar Respekt auf Arbeit entgegen gebracht wird undPrivates und Lohnarbeit in einem irgendwie gearteten, aber besseren Verhältnis zueinander stehen usw. Genau an diesem Punkt werden viele Leute die Gewerkschaft verlassen, vor allem diejenigen, die dann als bezahlte FunktionärInnen in reformistischen Gewerkschaften landen. Bei Starbucks zum Beispiel, obwohl es diesbezüglich keine gesicherten Daten gibt, glaube ich, dass drei von fünf Wobblies, die dort angefangen haben zu organisieren, nicht mehr in der IWW sind und eine Person bei einer großen Gewerkschaft als FunktionärIn gelandet ist. An dieser Stelle möchte ich zwei Dinge klar stellen: Erstens denke ich, dass Menschen in prekären Jobs unbedingt militante Klassen-Gewerkschaften gründen können und sollen. Ich glaube nämlich, dass man niemals die Lebenswelt seiner KollegInnen in dem Bereich wirklich nachvollziehen kann, wenn mensch nicht selbst diese erniedrigenden Arbeitsbedingungen kennt und dort gearbeitet hat, um zu sehen, dass neben der miesen Bezahlung und der Überarbeitung die psychologische Zurichtung und Manipulation noch hinzu kommt. Ich verstehe natürlich, dass strukturell immer mehr Menschen in prekärer Beschäftigung tätig werden und sind, vor allem ältere KollegInnen und Fellow Workers mit Kindern, und ich denke, wir sollten uns unbedingt mit diesen zusammen organisieren. Nichtsdestotrotz würde ich es gerne sehen, dass wir uns mehr darum bemühen, KollegInnen zu finden, die bereits dort aktiv sind oder werden wollen, statt andere als Organizer rein zu schicken, die dann Organizing-Kampagnen im Stile einer Kaderorganisation starten. Ein oder zwei Jahre sind eine lange Zeit im Leben eines Menschen, aber eine sehr kurze im Verhältnis zu einem Arbeitsleben. Zweitens, ich bin nicht dagegen, aus politischen oder gewerkschaftlichen Gründen einen Job anzunehmen oder an Protesten teilzunehmen bzw. zu organisieren, solange sie Sinn ergeben. Wogegen ich allerdings bin, ist eine Verkehrung von Strategie in Ideologie. Die Frage, ob mensch an einem Protest teilnehmen oder diesen organisieren oder diesen oder jenen Job annehmen soll, sollte auf Basis von erwartbaren und potentiellen Ergebnissen im Verhältnis zu dem stehen, was mensch meint damit aufzugeben. All das sollte wiederum mit unseren Erfahrungen und Versuchen abgeglichen werde, die wir als IWW bisher gemacht haben. Gibt es bereits ein Komitee in dem Betrieb mit einer gewissen Stärke, mag dies ermutigend sein für arbeitslose Mitglieder, sich zu bewerben um mehr EInfluss zu gewinnen. Doch das ist weit davon entfernt zu sagen: „Mach einen Job, den du nicht leiden kannst oder dir vorstellen kannst, länger zu halten, und wo du der/die einzige OrganizerIn sein wirst… Ach ja, und lass uns wissen, wie es läuft!“. Dieser taktische Ansatz des Salzens ist ein gänzlich anderer, als der, einfach überall zu salzen, welcher aus der Anti-Globalisierungs-Lasst-uns-überall-prostieren-Ideologie herrührt. Die hohe Fluktuation ist der Preis, den wir für so etwas zahlen. Stellt euch vor, wir beflügeln alle im Einzelhandel zu arbeiten, bis sie ausgebrannt sind, anstatt sie zu ermutigen, LehrerInnen, Pflegekräfte oder SchaffnerInnen zu werden entsprechend dem, was sie eigentlich interessiert hätte. Denn das sind die Arten von Karrieren, die zumindest eine gewisse finanzielle Stabilität schaffen, die Leute dazu bewegen, länger in ihrem Beruf zu bleiben, um Wurzeln zu schlagen und organische OrganizerInnen zu werden. Ich will damit nicht sagen, dass wir alle genau diese Jobs annehmen sollen, aber wir sollten jüngere, neue Mitglieder dazu ermutigen, über solche Themen nachzudenken. Denn nur dann können wir eine stärkere Organisation mit weniger Verbitterung und mehr Organizing-Potential werden sowie besser und ernsthafter aufgestellt sein. Wir hätten mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit auch mehr Mitglieder in den 30ern mit Kindern aus zwei Gründen: erstens, weil die Wobblies, die mit 20 beigetreten sind, immer noch dabei sind, und zweitens, weil sie ihre gleichaltrigen KollegInnen mit einbeziehen würden. Daher möchte ich neue Fellow Workers nicht darin ermutigen, einfach in die nächste Ausbeuterkette salzen zu gehen, die vermeintlich gerade am attraktivsten erscheint. In der Tat würde ich aktiv davon abraten, wenn sie nicht gerade von einem bereits dort bestehenden Komitee/Betriebsgruppe dafür angefragt werden und daher sehr bewusst diese strategische Entscheidung treffen. An die jungen KollegInnen in einer existentiellen Krise, die denken, ein paar Jahre salzen im Einzelhandel werden diese Krise schon lösen, möchte ich sagen: Versuch dir eine Branche vorzustellen, in der 5-10 Jahre arbeitest ohne verrückt zu werden, die mit dem, was du magst, zusammengeht, und erstell einen Plan, wie du in diesen Bereich gelangst. Wenn du das geschafft hast, verbring ein Jahr lernend und versuch, dich an deinen KollegInnen zu orientieren, während du mehr als alles andere versuchen solltest, Solidarität zu schaffen, bevor das eigentlich aktive Sich-Organisieren losgehen kann (es sei denn, es gibt schon Organisierungsvorgänge bzw. die Zeit ist reif). Dieser Ansatz, denke ich, würde eine nachhaltige Entwicklung befördern, die langfristig ausgerichtet ist und uns Einfluss in verschiedenen Industrien sichert.

    3. Vergiss nie, wir sind die Gewerkschaft.

    In anderen Worten, heilige Kühe darf es in einer Gewerkschaft nicht geben. Alles wurde von anderen Wobblies vor uns erdacht, die natürlich auch nur Menschen waren. Vor allem bezüglich unserer Geschäftsordnung scheint manchmal eine Art Ehrfurcht zu existieren, welche natürlich existentiell ist, um Regelverstöße zu vermeiden, um klar zu machen, was unsere Grundsätze sind. Sie darf uns allerdings nicht in unserer Fähigkeit beeinflussen, uns Veränderungen vorstellen zu können, die notwendig sind. Typischerweise werden manche Dinge einfach nur deshalb so getan, weil sie schon immer so gemacht wurden. Warum werden bspw. die Mitgliedsbeiträge aufgeteilt oder gibt es das recht komplexe Delegierten-Ortsgruppen-Allgemeine Verwaltung Berichterstattungssystem? Oder warum reden wir über Industriegewerkschaften innerhalb der IWW, die doch eher Phantome sind? Ich sage nicht, dass wir einfach Dinge ändern sollten nur der Änderung wegen, aber trotzdem sollten wir darüber nachdenken dürfen, alles prinzipiell ändern zu können. (Ein anderer Punkt bezieht sich auf die Tragweite von Änderungen. Wir sind die Gewerkschaft und Wandel sollte von der Mitgliederbasis ausgehen, nicht nur von den Offiziellen bzw. MandatsträgerInnen – mehr dazu später)

    4. Lernt, Nein zu sagen – Demokratie bedeutet, sich darin zu bestärken, gegen Dinge zu stimmen, mit denen mensch nicht einverstanden ist (und zu lernen bzw. auszuhalten, dass gegen einen gestimmt wird)

    Viele von uns sind nicht nur KollegInnen, sondern auch Freund*innen oder zumindest gehen wir freundschaftlich miteinander um. Das ist gut, sofern es dabei hilft, aufrichtige Beziehungen zu pflegen und Spannungen zu vermeiden. Dennoch haben viele uns wenig Erfahrung darin, Teil einer demokratischen Organisation zu sein, in der teilweise harte Entscheidungen getroffen werden oder in der die meisten Leute bereits eine mehr oder minder gefestigte Meinung zu vielen Themen haben. Es ist wichtig, nein sagen zu können und sich wohl dabei zu fühlen. Vielleicht ist der Vorschlag einer/s KollegIn schlecht. Wenn du nicht nein sagst, wer dann? Vielleicht gibt es andere, die mit dir übereinstimmen, sich aber nicht trauen, dies zu äußern. Wenn Gegenmeinungen geäußert werden, sorgt dies dafür, dass wir als Organisation auf dem Boden bleiben und auch wirklich die Meinung und den Willen der Mitglieder abbilden. Leider musste ich schon allzu oft beobachten, wie eine kleine Gruppe etwas unterstützt und eine noch kleinere Gruppe dagegen stimmt, während die große Mehrheit sich enthält. So etwas darf einfach nicht passieren, da so die Wahrscheinlichkeit sehr rasant steigt, dass schlechte Ideen sich durchsetzen und die Gewerkschaft nach außen repräsentieren, obwohl sie nicht den Mehrheitswillen der Mitglieder darstellt

    5. Fang an, 10 Jahre voraus zu denken

    Ich bin kein Mensch, der sagt „Die Revolution wird niemals in unserer Lebenszeit kommen.“ Wer weiß, der weltweite ökologische Zusammenbruch könnte in unserer Lebenszeit kommen, mit allem was das nach sich ziehen würde. Die IWW der 1920er Jahre diskutierte mehr über Organisierung, um die Produktion nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus zu übernehmen, als darüber, zu den Waffen zu greifen – und vielleicht gibt es etwas, das wir davon lernen können.

    Nichtsdestotrotz kommen wir nirgendwo hin (zumindest zu nichts Gutem), wenn wir uns permanent am Rande der Umwälzung wähnen und all unsere persönlichen und politischen Entscheidungen darauf gründen.

    Möglicherweise bildet es einen Teil der zu stellenden Gegenwartsdiagnose [Maybe it’s part of the definition of our generation], dass sich Leute über die Immobilienwerte ihres Zuhauses sorgen, während zugleich jeder dritte Film das Ende der Welt prophezeit. Doch auch wenn dem so sei, ist das ein Widerspruch, in dem wir zurzeit leben.

    Bereits die aktive Teilhabe an einer Organisation, welche die weltweite Arbeiter*inneneinheit und Übernahme der Produktion vorantreibt, unterscheidet eine*n von der Praxis der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung Nordamerikas (wobei ich mich frage, ob sich diese Kluft nach Occupy verkleinert hat). Vor allem wenn mensch in ihrer*seiner Jugend beigetreten ist, kann es als eine natürliche Einstellung erscheinen, dass alles auf der Stelle verwirklicht werden muss. Warten ist scheiße. Also kriegen wir scheiß Jobs, die wir nicht behalten wollen (siehe oben), wir erwarten, dass sich die Organisation sofort verändert, sodass sie dem entspricht, wie wir denken, wie es sein sollte, oder dass sie bedeutende Ressourcen in ein wie auch immer geartetes Projekt des Monats versenkt, und wir legen uns mit jeder*m an, die*der anderer Meinung ist (denn offensichtlich liegen sie falsch). Wenn sich die Dinge nicht so entwickeln, wie wir wollen, und wir keine langfristige Perspektive für die Organisation bilden, dann können wir wirklich nur noch austreten und zu etwas anderem übergehen – zu einer anderen aktivistischen Formation, einer bezahlten Gewerkschaftsposition oder einfach zu einem „normalen“ Leben. Das erschwert es uns, erfahrene Mitglieder zu halten.

    Von Ungeduld und Impuls können viele gute Dinge ausgehen. Ich könnte mich in Widersprüche verstricken, da auch ich neuere Mitglieder dazu ermutige, Veränderungen in der Organisation zu erwarten und zu fördern. Offensichtlich bedarf es einer Balance diesbezüglich. Viele Organisationen, ganz zu schweigen von vielen Leuten, versuchen Pläne für einige Jahre in der näheren Zukunft zu machen, um eine Strategie für mögliche, zu erwartende und erwünschte Resultate zu entwerfen. Zum Beispiel kann ein Betrieb eine Strategie für ein bestimmtes Maß an vertikaler Integration und Marktanteil haben oder eine Person mag ihre*seine Familiengründung planen, ein Haus erwerben, ihre*seine Karriere befördern; all das erfordert das Stecken realistischer Ziele und Zurückblicken [thinking backwards?]. Wenn wir uns alle die IWW vorstellen, wie wir sie gerne in 10 Jahren hätten, und unsere täglichen Tätigkeiten darauf stützten, wäre das ein großer Schritt vorwärts für unsere Organisation.

    Beispielsweise lautet mein 10-Jahres-Plan für die IWW kurz gefasst, dass wir eine bekannte, grundlegende Kraft für nordamerikanische politische/wirtschaftliche Rahmenbedingungen sein sollten mit einer ausgebildeten, heterogenen und aktiven Mitgliederschaft, einem gewissen Maß an wirtschaftlicher Stärke und Präsenz außerhalb von Großstädten. Wir sollten zudem die Fähigkeit besitzen, relativ schnell als Organisation zu reagieren, wenn es nötig ist, sei es, weil Druck auf uns ausgeübt wird oder weil die Arbeiter*innenklasse aufgrund von Polizeigewalt oder Austeritätspolitik in Bewegung gerät.

    Um konkret zu werden: Ich glaube, eine erreichbare Mitgliederzahl für das Jahr 2024 liegt in Nordamerika bei 10 000. (Wobei ich befürchte, dass dies zu bescheiden angesetzt ist, wenn mensch bedenkt, wie viel sich in den vergangenen 10 Jahren verändert hat.) Das ist das Zehnfache unserer derzeitigen Mitgliederschaft, doch würde die Organisation weit anders aussehen. Gerade bestehen in Nordamerika 51 Ortsgruppen mit einer gemittelten Größe von ungefähr 11 Mitgliedern. Lediglich fünf Ortsgruppen haben um die 50 oder mehr Mitglieder und sind stets in stattfindende Arbeitskämpfe eingebunden, wodurch sie einen Anziehungspunkt in ihren Städten darstellen, wie die Twin Cities (Bezeichnung für die Metropolregion Minneapolis-Saint Paul; Anm. d. Ü.), die Bay Area (Bezeichnung für die Region um San Francisco einschließlich Oakland an der Westküste Kaliforniens; Anm. d. Ü.) oder Portland (ich habe die Informationen dem General Organization Bulletin [GOB] (interner Newsletter der IWW; Anm. d. Ü.) #7 2014 entnommen, bei den 10 Ortsgruppen ohne Angaben habe ich je 10 Mitglieder angesetzt).

    Für eine Gewerkschaft mit 10 000 Mitgliedern, nehme ich an, bräuchten wir 100 Ortsgruppen mit einer gemittelten Mitgliederzahl von 100: einige mehr, andere weniger, einige Städte mit mehreren Ortsgruppen. Das würde bedeuten, wir wären in viel mehr Städten präsent; außerdem wären wir in diesen Städten gut etabliert, in lokalen Arbeitskämpfen verortet und würden Arbeiter*innen anziehen, die Interesse am Aufbau einer radikalen Arbeiter*innenbewegung hegen. Wenn mensch anfängt sich vorzustellen, wie es aussehen könnte, wird klar, dass unsere aktuelle Struktur nicht mithalten können und unter all der Last zusammenbrechen wird. Wir müssten zu etwas übergehen, wo Verantwortlichkeiten sowohl kollektiver als auch übertragbarer sind. Was ich damit jedoch vor allem herausstellen möchte, ist der Punkt, dass ich persönlich nie zufrieden bin mit dem Status Quo, aber zugleich nicht erwarte, dass die Organisation sofort jeden Vorschlag, den ich einbringe, weiterverfolgt/befolgt. Die richtungsweisende Frage für alles, was ich in der Gewerkschaft tue, lautet für mich: „Hilft es, den Weg dafür zu ebnen, die Art Organisation zu sein, die dazu in der Lage ist, so zu werden, wie wir sein müssen?“ [Does it help set the path for us to be the kind of organization that is capable of becoming what we need to be?] (Oder, um es in die Gamer-Sprache meiner Jugend zu übersetzen: „Wird uns das weiterbringen, um ins nächste Level zu kommen?“).

    5. Die Füße still halten können.

    Das mag einer der wichtigsten Tipps für jede*n sein, die*der ein Langzeitmitglied werden möchte. Keine*r kann oder sollte die ganze Zeit dabei sein. Noch sollte jemensch das Gefühl haben, weniger aktiv zu werden bedeutet, sie*er könnte genauso gut gleich ihre*seine Mitgliedschaft aufgeben. Sich zurück zu halten kann viele Formen annehmen. Ich selbst habe es einige Male in unterschiedlicher Weise getan. Manchmal, vor allem wenn ich irgendwo war, wo es keine Ortsgruppe gab, habe ich alle Verbindungen gekappt, von E-Mail-Verteilern über Facebook etc. Doch ich blieb dabei, meine Mitgliedsbeiträge zu begleichen und ab und zu mit Freund*innen aus der Organisation zu plaudern. Zu anderen Zeiten stecke ich einiges an Energie in eine Ortsgruppe und bleibe dennoch ohne Verbindung über Verteiler u.ä. zur Gesamtorganisation. Wahrscheinlich kommt eine der Ursachen für Burn-Out daher, dass eine Person, die total abgeschnitten ist von konkreten Aktionen, sich nur ins „Second Life IWW“ (wie es ein*e Freund*in nannte) einklinkt – die IWW der E-Mail-Verteiler und Facebook-Posts. Diese Art des Abgeschnitten-Seins von jeglicher konkreter Tätigkeit ist der Grund für Streitigkeiten über Ideen, die viel hitziger und unverhältnismäßiger werden, weswegen es immer schwerer fällt, sich daran zu erinnern, warum irgendwer hieran beteiligt ist.

     

    Über Reaktionen auf diese Vorschläge würde ich mich sehr freuen. An die anderen Langzeitmitglieder: Wie lautet eure Erfolgsstrategie? Was hätte dir jemensch vor sieben Jahren sagen sollen? An die neueren Mitglieder: Was sind deine Ziele für die Organisation und was hilft dir dabei, diese zu erreichen?

     

    Schicke dein Feedback an den Autoren:

    lifelongwobbly@gmail.com, or message @lifelongwobbly on Twitter.

    Zuerst erschienen im Industrial Worker #1774 im Mai 2015.

     

    Übersetzt ins Deutsche von Frieda Heumann und Jakob Schloer (IWW Berlin)

  • Niemand hat behauptet, es sei leicht…

    Von Norma Raymond

    Ich arbeite für ein großes, dämliches Unternehmen, das in seinem Bereich praktisch über ein Monopol verfügt. Da rauszukommen ist ein unrealistischer Tagtraum, und so habe ich einige Mechanismen entwickelt, mit meiner Arbeitssituation besser klarzukommen.

    Ich hoffe, diese Mechanismen sind nicht Ausdruck eines leichten Stockholm Syndroms. Es ist ziemlich schwer zu rechtfertigen, dass ich für diesen Arbeitgeber arbeite. Darum tue ich, was ich kann, um ihn zu sabotieren, während ich gleichzeitig täglich daran arbeite, eine Gewerkschaft zu gründen.

    Ich ermutige meine Kollegen, die Produktion zu verlangsamen. Ich dränge sie, sich tatsächlich krankzumelden, wenn sie sie krank sind. Ich flehe sie an, Probleme am Arbeitsplatz offen anzusprechen. Ich biete ihnen an, sie zu begleiten, wenn ihnen das hilft. Ich sammle mit ihnen Ideen, wie man den Job befriedigender gestalten kann. Ich weise auf Probleme am Arbeitsplatz hin und ermutige zu offenem Austausch darüber.

    Das sind alles keine besonderen Taten. Das sind spontane Antworten auf das, was von der Unternehmensleitung kommt.

    Einem kranken Arbeiter wird gesagt: „Es passt gerade nicht, wenn du früher gehst“ (als wenn man sich aussuchen könnte, wann man krank wird). Oder: „Du hast noch nicht genug Überstunden, um dich krankzumelden“.

    Einer Angestellten, die sexuell belästigt wurde, wird gesagt: „Wir wollen, dass die Leute hier auch mal Witze machen und Spaß haben können“. Oder: „Jungs sind nun mal Jungs“.

    Es ist schwierig, große Hoffnungen zu haben, wenn manche der Menschen, die auf diese Weise belästigt werden, sich nicht dagegen wehren wollen. Es ist frustrierend, wenn andere irgendwann die Schnauze voll haben und einfach kündigen.

    Die Chefs sagen zu den Mitarbeiterinnen: „Nimm das mal etwas leichter“ – als wenn die Mitarbeiterinnen selbst schuld wären, wenn sie belästigt werden.

    Die Chefs schützen dich normalerweise nicht. Darum musst du lernen, dich selbst zu schützen. Die Chefs sind eigentlich überflüssig. Aber sie geben dir das Gefühl, dass du derjenige bist, auf den man verzichten kann.

    Darum müssen wir aufstehen, zusammenstehen und uns auf unsere Rechte besinnen. Im IWW-Organizer-Training 101 habe ich gelernt, dass Menschen uns enttäuschen werden, wenn wir versuchen mit ihnen eine Gewerkschaft zu formen. Ein Freund, der versprochen hat, uns zu unterstützen bekommt vielleicht Angst und macht nicht mehr mit. Der Typ, der gestern noch 100%ig dabei war, steigt morgen vielleicht aus.

    Aber man hat mir auch gesagt, dass jemand von dem man es nie erwartet hätte, vielleicht einen geheimen Groll hegt und nur darauf wartet, sich einer Gewerkschaft anzuschließen.

    Jemand anderes muss vielleicht nur noch ein paar Informationen bekommen, damit er fröhlich mitmacht.

    Ich versuche ein Vorbild darin zu sein, für andere einzutreten. Ich hoffe, dass wenn ich ein Beispiel gebe, andere mitmachen werden.

    Ich höre den Leuten zu und nehme sie ernst. Ich stehe meinen Kollegen bei und ich stehe für mich selbst ein. Ich hoffe, dass die anderen auch für mich einstehen, aber ich bin da vorsichtig, denn ich weiß, dass sie mich vielleicht auch hängen lassen würden.

    Ich mache mir kritische Gedanken über das, was die Chefs sagen und darüber, was sie vielleicht wirklich meinen. Ich habe ihr Spiel gelernt und ich denke immer strategisch.

    Es ist ein Paradox. Der Kampf ist schwierig, aber irgendwie ergibt er sich auch von selbst. Er ist langwierig, aber auch ermutigend. Der Kampf kann dich einsam machen aber dir auch ein Gefühl von Stärke geben. Er kann dein Herz brechen, es aber auch mit Stolz erfüllen. Es ist nicht leicht und irgendwie doch ganz einfach!

    Die einzige Konstante ist: Der Kampf ist viel zu bedeutsam, um sich zu erlauben, die Hoffnung aufzugeben. Es geht nicht nur um dich, sondern um deine Kollegen, deine Freunde, deine Familie und die Generationen nach uns.

    So viele Menschen vor dir haben für dich gekämpft. Manche sagen vielleicht: „Früher war es viel schlimmer“ – aber das darf dir nicht den Blick dafür nehmen, wie viel besser es einmal werden kann.

    Das Englische Original dieses Artikels ist im Industrial Worker Nr. 1773 April 2014 erschienen: http://de.scribd.com/doc/260732271/Industrial-Worker-Issue-1773-April-2015

  • Interview im Lower Class Magazin

    „Es kommt nicht immer auf die Größe an“

    Die bundesdeutsche Sektion der weltweiten Basisgewerkschaft Industrial Workers of the World (IWW) hat in den vergangenen Jahren bereits mit einigen erfolgreichen Aktionen von sich hören lassen. Aber auch in Österreich sind die „Wobblies“ aktiv. Wir haben uns mit „Fellow Worker“ Bo in Wien auf eine Melange getroffen und ein bisschen über die IWW geplaudert.

    LCM: Im deutschsprachigen Raum ist die IWW ja immer noch relativ unbekannt. Erzähl doch mal ein bisschen über die Geschichte der „Wobblies“.

    Bo: Die IWW ist die internationale basisdemokratische und radikale Gewerkschaft, sie ist weltweit tätig und wurde 1905 in Chicago gegründet. Sie war von Beginn an eine strömungsübergreifenden Organisation. AnarchistInnen, KommunistInnen, SozialistInnen und andere radikale GewerkschafterInnen versuchten gemeinsam, eine Gegenmacht gegen die American Federation of Labor aufzubauen. logo_kleinUnd von vornherein war auch der internationale Charakter dieser Gewerkschaft vorhanden. Es gab relativ bald eine größere Sektion in Kanada, aber auch in anderen Ländern waren „Wobblies“ aktiv. In Deutschland war der Internationale Seemansbund mit Tausenden Mitgliedern Teil der IWW. Diese deutsche Sektion hat allerdings den Faschismus nicht überlebt, die Organisation zerbrach vollständig. Eine der bekanntesten größeren Aktionen aus der Frühzeit der Wobblies war der „Bread and Roses“-Streik in den USA, der vorwiegend von Frauen, konkret von migrantischen Arbeiterinnen getragen wurde.

    LCM: Du sprichst ein wichtiges Prinzip der IWW an…

    Bo: Ja, die IWW war die erste Gewerkschaft, in der Frauen und Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe Funktionen ausüben dürften – derartige Kategorien waren von Beginn an irrelevant. Das einzige Kriterium für eine IWW-Mitgliedschaft ist: bist du Mitglied der arbeitenden Klasse? Also: Musst du deine Arbeitskraft verkaufen? Hast du nicht die Macht, über die Produktionsmittel zu entscheiden? Dann bist du willkommen. Die IWW interessiert nicht, welchen Reisepass oder welche Nationalität du hast. Es gab immer wieder Gerichtsverhandlungen gegen Wobblies, bei denen diese auf die Frage, welcher Nationalität sie angehören geantwortet haben: keiner. Dieser Grundgedanke drückt sich auch in unserem Gewerkschaftsverständnis aus. Eine Gewerkschaft sind KollegInnen dann, wenn sich zwei oder mehr zusammenschließen, um das Machtverhältnis am Arbeitsplatz zu verändern. Die Basis dafür ist Solidarität und das Mittel häufig direkte Aktionen, weil wir es für wirkungsvoller halten, wenn sich ArbeiterInnen auf ihre eigene Macht verlassen, anstatt vor Gericht zu ziehen oder Gewerkschaftssekretäre anzurufen. Dazu organisieren wir uns branchenübergreifend, so dass die Spaltung in verschiedene Berufsgruppen, wie es in vielen Bereichen der Fall ist, aufgehoben wird. Wenn das erfolgreich sein sollte, sind wir unserem Ziel – die Abschaffung des Lohnsystems und eine gesellschaftliche Produktion nach den Bedürfnissen von uns Menschen – einen bedeutenden Schritt näher.

    LCM: Wann kam das Ende der ersten erfolgreichen Phase der Wobblies?

    Bo: In Europa zerbrach die Organisation während des Faschismus, aber auch in den USA war nach dem Zweiten Weltkrieg ein Tiefpunkt erreicht. Es gab dort von Beginn an starke Repression gegen die IWW. Aber obwohl die Gewerkschaft über längere Phasen sehr klein war, war sie doch durchgehend existent, und die Mitglieder waren in Betrieben aktiv. In Großbritannien etwa gab es in den 1950er/60er Jahren einzelne kleine Ortsgruppen, die die IWW am Leben hielten, in den USA war es ähnlich. Ab den 70er Jahren begann sich das dann langsam wieder zu ändern, und ab etwa 2005 hat die IWW dann wieder einen großen Aufschwung erreicht. Dies stand vor allem in Zusammenhang mit der Starbucks-Kampagne in den USA, die auch große mediales Echo erfahren hat.

    LCM: Was ist da genau passiert?

    Bo: Das ging in New York los, wo Starbucks-Angestellte Überstunden nicht bezahlt bekamen oder vereinbarte Stunden nicht arbeiten durften. Daraufhin begannen sich viele in der IWW zu organisieren, es gab direkte Aktionen und öffentlichkeitswirksame Kampagne. Nach zwei, drei Jahren Kampf konnten massive Verbesserungen durchgesetzt werden: höhere Abfertigungen nach getgoodsEntlassungen und bis zu 30prozentige Lohnerhöhungen. Das war natürlich für eine in New York City sitzende kleine Gewerkschaft ein großer Erfolg. Gleichzeitig war sie aber nicht nur auf NYC beschränkt, auch Ortsgruppen in anderen Städten der USA und Kanada fingen an bei Starbucks zu organisieren. Wenn man das mit den bescheidenen Erfolgen europäischer Gewerkschaftsverbände vergleicht, dann muss man sagen: es kommt nicht immer auf die Größe an!

    LCM: Und für die IWW war dies auch der Neubeginn der internationalen Aktivitäten?

    Bo: Genau. Kurze Zeit später wurde das „Biroc“, das Organisationskomitee für die Britischen Inseln gegründet. In London gab es bald erste Erfolge bei der Organisierung von Reinigungspersonal oder im Gesundheits- und Sozialbereich, die zu einem schnellen Anwachsen der IWW in Großbritannien von anfangs zweihundert Mitgliedern zu mehr als 2.000 heute führten. Etwa gleichzeitig passierte auch in Kanada sehr viel, wo IWW-Mitglieder vor allem in der sozialen Arbeit sehr präsent sind und auch immer wieder Kürzungen in diesem Bereich verhinderten. 2006 hat sich schließlich die IWW im deutschsprachigen Raum gegründet und mit Aktionen bei der Cateringfirma Eurest ebenfalls erste Erfolge feiern können.

    LCM: Jetzt aber endlich zu euch hier in Österreich. Wann ging es da los?

    Bo: 2009 hat sich erstmals eine Regionalgruppe in Wien gegründet. Kurz darauf entstand auch eine Gruppe in Graz. Es gab damals einige kleinere Aktivitäten wie Flugblattaktionen oder Anzeigen beim Arbeitsinspektorat. Auch in einem Mobbingfall in einem Sozialbetrieb wurden wir aktiv und unterstützten eine Betroffene. Dabei gab es auch einen ersten kleinen Konflikt mit dem Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB), an den sich die Betroffene wegen juristischer Unterstützung gewandt hatte. Und die haben unsere Vorschläge zu direkten Aktionen wie Bummelstreiks gar nicht gern gesehen. Leider sind die Aktivitäten in Österreich dann etwas eingeschlafen. Die IWW-Leute in Graz sind aus der Stadt weggezogen, und auch in Wien passierte nichts mehr.

    LCM: Wie ging es dann weiter?

    Bo: Es gab in den vergangenen Jahren in Wien einige Mitglieder, die allerdings nur wenig machten. Los gings dann wieder, als in einem Betrieb, in dem ein Wobbly arbeitet, ein Kollege wegen Kritik an der Geschäftsführung entlassen werden sollte. Da gab es dann Solidaritätsbekundungen von der KollegInnenschaft und die Entlassung konnte verhindert werden. Danach hat sich im Jänner 2015 die IWW in Wien wieder neu konstituiert. Derzeit haben wir Mitglieder mit sehr unterschiedlichem Hintergrund, auch einige von den britischen Inseln, aus Italien und Kanada.

    LCM: Mit welchen Problemen ist man konfrontiert, wenn man versucht, neben dem allmächtigen ÖGB eine kämpferische Gewerkschaft aufzubauen?

    Bo: Das Problem in Österreich ist das allgemeine Bewusstsein, dass Gewerkschaft nur ein Instrument der Rechtsvertretung ist. Das ist insofern bemerkenswert, als es ja hier auch die Arbeiterkammer gibt, bei der jedeR Lohnabhängige automatisch Mitglied ist, und die unter anderem Rechtsvertretung macht. Und dann wird einem erklärt, man solle sich zusätzlich dem ÖGB anschließen, der aber im Grunde auch nur Rechtsvertretung betreibt und faktisch seit 40 Jahren keine Arbeitskämpfe mehr durchführt. In den Köpfen der Menschen ist sehr fest verankert, dass man um Erlaubnis fragen muss, bevor man einen Arbeitskampf beginnt. Da muss man darum bitten und dann durch unzählige Instanzen und einen bürokratischen Apparat gehen. Dass man das einfach selbst in die Hand nimmt und selbst organisiert – und dass das im Endeffekt auch viel effizienter ist – das ist bei vielen einfach noch nicht angekommen. Wir bekommen oft eine positive Reaktion, aber gleichzeitig auch Skepsis, wenn wir Leuten unseren Ansatz erklären, also etwa: „Wow, supercool! Aber nein…“ Da gibt es dann letztlich doch eine große Hemmschwelle, die ich auch oft gar nicht nachvollziehen kann.

    LCM: Wie ist das Verhältnis zu linken GewerkschafterInnen im ÖGB?

    Bo: Offiziell gibt es keine Kontakte, aber natürlich gibt es persönliche Bekanntschaften. Da ist immer wieder interessant zu beobachten, wenn linke ÖGB-AktivistInnen von Basisdemokratie und radikalen Gewerkschaften reden. Sobald man dann allerdings entsprechende Aktionsformen wie direkte Aktion ins Spiel bringt, fangen diese sofort an den ÖGB und dessen herkömmliche Methoden zu verteidigen. Es existiert da schon eine ziemliche „Parteidisziplin“ auch bei linken ÖGB-Mitgliedern – sowohl ihren jointheonebigunionFraktionen, als auch dem ÖGB insgesamt gegenüber. Die Linken sagen dann halt, dass der ÖGB reformiert werden muss und so weiter, aber grundsätzlich ist er weiterhin die Gewerkschaft der Wahl. Naja, dabei darf man auch nicht übersehen, dass der ÖGB für viele Linke in Österreich ein geschätzter Arbeitgeber ist. Prinzipiell aber unterscheiden sich derzeit auch die Zielgruppen ein bisschen. Wir organisieren zum Beispiel Leute, die prekär beschäftigt sind oder sind in anderen Bereichen aktiv, die von den großen Gewerkschaftsverbänden vernachlässigt werden. Wir organisieren Refugees, ohne vorher sechs Monate darüber diskutieren zu müssen.

    LCM: Wie ist das Verhältnis zu anderen politischen Gruppen? Gerade in der kleinen Wiener Linken kennt ja jeder jeden…

    Bo: Interessanterweise ist das für uns auch nicht ganz der Fall, weil die meisten Leute, die die IWW in Wien jetzt neu aufbauen, nicht von hier sind oder erst seit einigen Jahren hier wohnen. Aber prinzipiell ist es natürlich für uns ok, wenn Mitglieder auch in anderen Organisationen aktiv sind. Auch bei uns gibt es Mitglieder mit unterschiedlichem politischen Hintergrund oder solche, die sich keiner Strömung der Linken zuordnen. Klar: wenn du ein Rechter bist, schmeißen wir dich raus. Aber sonst spielt die politische Herkunft kaum eine Rolle.

    LCM: Zurück zu eurer Arbeit: welche Aktivitäten gab es seit eurer Neukonstituierung in Wien?

    Bo: Letztes Jahr haben wir sehr stark mit Leuten aus dem englischsprachigen Raum zusammengearbeitet, die in Sprachinstituten in Wien arbeiten. Die hatten keine garantierten Stunden, die Bezahlung schwankte, sie wurden wie „freie Dienstnehmer“ behandelt, obwohl sie als Angestellte angemeldet waren. Mit denen zusammen konnten wir erreichen, dass Leute, die für 30 Stunden angestellt sind, auch tatsächlich 30 Stunden bezahlt bekommen – was zuvor nicht immer der Fall war. Das ging alles erstaunlich einfach.

    LCM: Sind kleine Aktionen auch deshalb oft erfolgreich, weil die Unternehmen heutzutage gar nicht mit Widerstand rechnen?

    Bo: Ja, auf alle Fälle. In Österreich gibt es ohnehin keine Kampftradition. Sobald also irgendwer zu kämpfen anfängt, oder auch wenn du nur andeutest, dass du um deine Rechte kämpfst, kriegen die Bosse sofort Panik. Das macht es für uns in vielerlei Hinsicht sehr einfach.

    LCM: Was passiert sonst noch bei euch?

    Bo: Wir haben ein paar KollegInnen unterstützt, die eine Zeit lang in Wien auf Werkvertrag gearbeitet haben, jetzt woanders leben und ihr Geld nie bekommen haben. Da haben die Unternehmen einfach nicht damit gerechnet, dass die jemanden vor Ort haben, der sich darum kümmert. Ansonsten machen wir auch Rechtsberatung, also: wie kommst du zu deiner Mindestsicherung, wie macht man einen Lohnsteuerausgleich und solche Dinge. Betrieblich arbeiten wir momentan schwerpunktmäßig im Sozialbereich und in der Autoindustrie. Aber vor allem geht es jetzt darum, in Wien weitere Strukturen aufzubauen. Da gibt es natürlich auch viel interne Schulungsarbeit zu Organizing und Betriebsarbeit. Und schließlich sind wir natürlich zusammen mit unseren KollegInnen in den anderen Ländern international aktiv, und auch die IWW als internationale Organisation debattiert derzeit intensiv über ihre Strukturen und Aktionsformen. Vor allem im deutschsprachigen Raum gab es da in den letzten zehn Jahren eine starke Professionalisierung und eine starke Verankerung in einigen Betrieben.

    LCM: Zu den internationalen Strukturen der IWW wollte ich ohnehin noch nachfragen. Auf den ersten Blick ist eine Basisgewerkschaft mit internationalen Strukturen ja ein Widerspruch.

    Bo: Ja, möglicherweise. Aber es gibt ja nicht nur die internationalen Strukturen, sondern eben auch die regionalen Räume, wie eben das Organisationskomitee für den deutschsprachigen Raum. Im Endeffekt ist es in einer nationalen Organisation nicht sehr viel anders, da kennst du dann ja auch nicht alle Leute persönlich. Vor allem aber sind die internationalen Strukturen der IWW dont_trust_luckVerwaltungsstrukturen. Da werden keine zentralen Entscheidungen getroffen, sondern die zuständigen Leute haben klar definierte Aufgaben, um eine internationale Organisation am Laufen zu halten. Wichtig ist uns die Autonomie der Ortsgruppen. Sie entscheiden, wie Betriebsarbeit und Aktionen vor Ort zu laufen haben. Auf internationaler Ebene tauschen wir uns über Erfahrungen aus und lernen so voneinander.

    LCM: Haben diese internationalen Strukturen für die konkrete Arbeit vor Ort auch tatsächlich Vorteile? Oder geht es dabei nur um die schöne Vorstellung, Teil einer weltweiten Organisation zu sein?

    Bo: Ja sicher hat das Vorteile! Welcher Betrieb ist im Jahr 2016 nicht international vernetzt? Wie soll man Kapitalismus überwinden, wenn nicht weltweit? Das Ziel der IWW ist ja durchaus, ganze Produktionsketten zu organisieren – also beispielsweise die Dame, die bei H&M Kleider schlichtet bis zur Näherin in Bangladesh bis zu LKW-FahrerInnen, die das Zeug um die ganze Welt fahren. Die zu organisieren ist das Ziel. Und gleichzeitig organisieren wir ganz kleinräumig und lokal. Es nervt ein Unternehmen nichts mehr, als wenn beispielsweise in Wien ein Konflikt entsteht und gleichzeitig auch an anderen Standorten. Das ärgert die Bosse, die wollen keine globale schlechte Publicity. Und dann kommt noch ein weiterer Vorteil der internationalen Organisation hinzu: viele Leute sind auch beruflich in mehreren Ländern unterwegs, und die haben natürlich immer eine Ansprechperson vor Ort, sind gleichwertige Mitglieder und haben volle Unterstützung. Naja, und es ist auch ein Art Reiseversicherung. Wenn man irgendwo unterwegs ist und strandet, findet man mit seiner „Red Card“ immer ein warmes Bett und etwas zu essen.

    Das Gespräch führte Karl Schmal

  • Stehcafe-Schwitzbude

    swu_ueberGeschichten über alltägliche Widerständigkeit am Arbeitsplatz haben es oft schwer: Entweder werden sie nicht genug geschätzt und verschwinden, oder sie kursieren als HeldInnengeschichten im kleinen Kreis, am Kneipentisch, beim Bierchen – oder auch im Stehcafé. Dass solche ›Kämpfchen‹ Potential haben und es wert sind, der bloß kolportierten Überlieferung entrissen zu werden, zeigt die folgende Geschichte über die Anfänge der Starbucks-Organisierung in den USA von Erik Forman. Sie ist unter dem Titel »Ok, which exit is it?« bereits 2013 in dem Sammelband von Scott Nappalos: »Lines of Work: Stories of Jobs and Resistance« (Black Cat Press) erschienen, wurde von der Frankfurter Gruppe der IWW frisch übersetzt und für den express leicht überarbeitet und gekürzt. Eine Anregung für die Produktion künftiger Geschichten über HeldInnen des alltäglichen Arbeitskampfs – und für FreundInnen des schnellen Kaffees im Gehen…

    »Ok, welche Ausfahrt ist es?«
    »494, richtig?«
    »Scheiße, Mann. Ich weiß es nicht! Normalerweise nehme ich die U-Bahn zur Arbeit.«
    »Verdammt noch mal. Wie spät ist es? 12:30 Uhr. Mist. Wir haben gesagt, dass wir um 12:30 Uhr da sein werden.«
    »Um Himmels willen! Weißt Du, ob Rachel und Christina schon da sind?«
    »Keine Ahnung. Schau mal auf mein Handy. Haben sie mir geschrieben?«
    Ich fischte mein Handy aus der Tasche, das Lenkrad umklammernd, als der Dodge Karavan der Tante meines Kollegen den Highway entlang donnerte. Wir hatten keine Ahnung, wo wir lang fuhren, und nur den leisesten Hauch einer Ahnung, was wir machen würden, wenn wir ankommen.
    »Bleibt ruhig, Leute« sagte Jake vom Rücksitz aus. »Ich habe Rachel gerade geschrieben, sie verspäten sich auch. Wir können uns um 12:45 Uhr treffen. Falls wir bis dahin die Mall of America finden.«

    Ich arbeitete seit ungefähr sechs Monaten bei Starbucks in der Mall of America. Die Arbeitsbedingungen waren so schlecht, wie man sie erwarten würde bei acht Stunden Nonstop-Getränkeproduktion und Kundenkontakt, mit Schlangen, die bis vor die Tür reichen. Zehn-Minuten-Pausen, die aufgrund des Personalmangels immer Stunden zu spät zu kommen schienen. Das einzig Gute an der Arbeit in diesem Frappuccino-Sweatshop war die Kollegialität, die sich unter uns LohnsklavInnen im Alter um die zwanzig entwickelt hatte. Die letzten Monate über hatten wir uns außerhalb der Arbeit getroffen, oftmals um nur ein paar Bierchen zu trinken, aber auch, um mit wachsender Ernsthaftigkeit Kampagnen zur Durchsetzung unserer Forderungen zu planen. Wir waren Teil der IWW-Starbucks Workers Union1 und wir hofften ein wenig darauf, unsere kleine Kaffeefabrik zu einem Standbein der ArbeiterInnenmacht in der Mall of America machen zu können.

  • Strategiepapier für erfolgreiche Basisgewerkschaften

    DU Cover klein 2„Eine Empfehlung für alle aktiven Kolleginnen und Kollegen unter uns, die im Praxisdschungel nicht die Orientierung verlieren wollen.“ Frieda Heumann, Bildungsarbeiterin und Organizerin der IWW, Berlin

    Unter dem Titel: „Direct Unionism« – Strategie für erfolgreiche Basisgewerkschaften auf der Höhe der Zeit“ hat die Ortsgruppe Frankfurt am Main, der weltweiten Basisgewerkschaft Industrial Workers of the World, ein Diskussionspapier über die erfolgreiche Zukunft von Basisgewerkschaften im deutschsprachigen Raum herausgegeben.

    Dieses Diskussionspapier entwirft eine Vision davon, wie ArbeiterInnen zurückschlagen können. Eine Vision von der wir hoffen, dass sie eine breitere Diskussion entfachen wird. »Direct Unionism« beschreibt deutlich und offensiv was es heißt Macht am Arbeitsplatz auf der Basis kollektiver direkter Aktionen aufzubauen, mehr noch als Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen abzuschließen.

    Wir denken, dass ArbeiterInnen ihre Kämpfe am Arbeitsplatz durch ihre Fähigkeit den Betriebsablauf zu stören, gewinnen, und nicht dadurch, dass sie die offizielle Anerkennung durch ihre ChefInnen erlangen. Mit diesen Gedanken haben wir ein paar spezifische Szenarien zusammen getragen, die uns beim Organizing und den alltäglichen Auseinandersetzungen helfen. Es sind die Modelle und Pläne, von denen wir denken, dass ArbeiterInnen sie überall einsetzen können.

    Dieser Text ist der Beginn einer Diskussion – vielmehr noch als das letzte Wort. Aber wir denken es ist ein wichtiger Anfang. Er ist die deutsche Übersetzung eines Textes vom AutorInnenkollektiv „Recomposition – Notes for a new workerism“ der IWW aus Edmonton/Kanada.

    Weitere Stimmen: „Lesen und umsetzen! Dann stehen wir ArbeiterInnen endlich im Mittelpunkt, nicht mehr die ChefInnen.“ Erik Forman, Organizer der IWW, u.a. bei Starbucks und Jimmy John’s in Hong Kong & New York City

    „Ich halte Basisgewerkschaften für unverzichtbar um die Verbindung zwischen den weltweiten Migrationsbewegungen und den örtlichen Kämpfen herzustellen. Diese Broschüre hilft, sie aufzubauen.“ Felix Syringus, ehemaliges Mitglied des Antirassismus Büro Bremen

    Der komplette Text kann online gelesen und heruntergeladen werden.

    Außerdem sind gedruckte Ausgaben gegen eine kleine Spende, beim Literaturversand der IWW im deutschsprachigen Raum erhältlich: versand@wobblies.de

    Wir erwarten mit Vorfreude eure Weiterverbreitung, Feedback, Kritik, Rezensionen und/oder Veranstaltungen zu der Broschüre.

  • „Hausmeister, Callcenter Beschäftigte und KabelverlegerInnen in einer Gewerkschaft“

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    Als weltweite Basisgewerkschaft versucht die IWW Kampferfahrungen und Widerstand weltweit zu organisieren und zu vernetzen. Inwiefern das in der Praxis gelingt und erfolgreiche Gewerkschaftsarbeit im deutschsprachigen Raum möglich macht, darüber berichtet ein Kollege der IWW Frankfurt am Main.
    Radiointerview zum Nachhören, via Radio Dreyeckland:
    https://rdl.de/beitrag/hausmeister-callcenter-besch-ftigte-und-kabelverlgerinnenn-einer-gewerkschaft-die-industrial

    Hinweis:

    Die Meinung des Autoren entspricht nicht notwendigerweise der Meinung aller IWW Mitglieder.