IWW Wien | die solidarische Gewerkschaft

Atemlos durch den Tag

on 8. März 2019 Allgemein with 0 comments
Am Ende des Tages bleibt frau* kaum Zeit und Kraft zum Kämpfen. Wobblies leben Solidarität im Alltag und schaffen Räume zur Selbstermächtigung.
Der Terminkalender ist voll, die To do Listen aller Art stapeln sich. Du hetzt von einem Ort zum nächsten und nirgends bist du gefühlt ausreichend produktiv. Überall bleibt was liegen oder kommt noch mehr dazu. Das Gefühl der Überforderung und Unzulänglichkeit steigt, während die essentiellen Dinge nicht mehr funktionieren. Durch den Wunsch endlich mal wieder was abzuhaken oder weiterzubringen, um sich scheinbar nützlich zu fühlen, werden die Prioritäten zunehmend verschoben. Anstatt die Notbremse zu ziehen, läufst du weiter im Hamsterrad und der Aufwand zu vertuschen, wie schlechts dir damit geht oder was du an Grundlegendem nicht mehr schaffst übersteigt langsam den Aufwand des Eigentlichen.
Aber umso größere ein Wäscheberg wird, umso länger das Privatleben vernachlässigt wurde, umso mehr Mahnbriefe zu Hause liegen, umso größer der psychische Druck oder die gesundheitliche Belastung, umso schwieriger erscheint die Bewältigung des Ganzen und und umso eher wird es weiterverschoben. Denn eine Ladung Wäsche, eine seit einer Woche ausständiges Gespräch, eine unbezahlte Rechnung oder ein Arzttermin, das lässt sich jeweils noch etwas leichter in einen vollgestopften Alltag reinquetschen, als wenn es sich bereits summiert hat und die Dinge seit Wochen oder Monaten brachliegen. Früher oder später ist es einfach zuviel und ist allein nicht mehr zu schaffen. Es wird weiter verschoben und die Situation verschlimmert sich zunehmend.
Tarnen und Täuschen wird Bestandteil des Alltags. Denn natürlich steigt die Scham. Denn alle anderen kriegen doch auch alles hin. Der immer frische Kollege, der ständig Zusatzdienste übernimmt und noch Zeit für Sport und Familienausflüge hat. Die politisch engagierte Kollegin, die auf keiner Demo oder Sozialinitiative fehlt, sich vorbildlichst um ihre geretten Hunde und Katzen kümmert und neben dem Job auch noch studiert. Die Liste der super funktionierenden Menschen mit denen man sich vergleichen kann ist endlos. Die haben alles im Griff. Die sind immer gut drauf und voller Energie und pflegen bestimmt ein erfülltes Privatleben, führen einen tiptop Haushalt und haben sowieso ein total interessantes, hippes Leben, wie social media beweist. Deren Tag hat auch nur 24 Stunden und Rechnungen müssen die genauso bezahlen. Und die schaffen insgesamt viel mehr als ich. Es muss also an mir liegen. Ich muss mich optimieren.
So drastisch das jetzt vielleicht klingen mag, aber im Grunde kennt jede*r dieses Gefühl. Vielleicht nicht immer, vielleicht weniger oder sogar mehr. Aber die Tatsache, dass die beruflichen und gesellschaftlichen Ansprüche ans Inviduum zunehmend steigen, ist unbestritten. Politische oder gesellschaftliche Entlastung ist nicht in Sicht, im Gegenteil: die Ressourcen werden zunehmend nach oben umverteilt, sei es Zeit oder Geld. Gleichzeitig sind wir einer permanten Popkultur von scheinbar perfekten Menschen ausgesetzt und das neoliberale Mantra “Du kannst alles schaffen, wenn du willst” prasselt aus allen Kanälen auf uns ein. Die Eigenverantwortung und Eigeninitiative auf Individualebene zur Verbesserung der eigenen Situation sind die Gebote der Stunde. Von Systemgrenzen, die die Einzelne zerstören, wird wenn überhaupt auf abstrakter Ebene gesprochen. Und somit bleibt jede mit ihrer Schande des Versagens alleine. Denn Schwäche zeigen ist im Zeitalter des allgegenwärtigen Präsentismus ein No go.
Dieses Phänomen macht keinen Halt vor Geschlechtergrenzen, jedoch sind Frauen* weitaus stärker betroffen. Woran liegt das? Weiblich definierte Menschen werden bereits von klein auf dazu erzogen, sich für die Reproduktionsarbeit, also das Funktionieren des Zuhauses zuständig zu fühlen. Wenn diese Baustelle nun wie oben erwähnt auf der Strecke bleibt, ist die Scham bei Frauen* gemäß ihrer Sozialisation tendenziell größer. Auch später zeigen bestimmte propagierte Stereotypen vor, wie es sein soll. Dabei wird männlich definierten Menschen eine bestimmte Zielstrebigkeit und Fokus auf eine einzige, wichtige Sache wie zum Beispiel Karriere oder inzwischen auch Familie zugestanden, während die stereotype Superfrau alles unter einen Hut kriegt. Sie schmeißt den Haushalt, ist eine hippe Mama, die jedem noch so zeit-. und kostenaufwändigen Bobotrend Folge leistet und hat natürlich ihre Karriere auch voll im Griff. Nebst bei ist sie dank Yoga und Superfood schlank, gesund und nachhaltig. Angepasst an die jeweilige Subkultur nach Generation und/oder Ökonomie ist das Idealbild austauschbar: man ersetze alternative Trends durch, seinem Kind das neueste Smartphone kaufen können, Karriere durch bei der MA40 resolut und sprachkundig auftreten können und den Mann im Griff haben und Lifestyle durch Kunstfingernägel und Haarextensions. Der gesellschaftliche Druck auf Frauen* ist derselbe, die Inhalte variieren nur ein bisschen. Fakt ist, Frauen* müssen alle Bereiche abdecken, damit sie wertvolle, gute Frauen sind anstatt Rabenmüttern, Drecksschlampen, Schmarotzerinnen und Mimosen. Auf jeden Fall stark und funktional müssen sie sein, das ist das Credo und das zieht sich durch alle Schichten und Ideologien. Selbst in den offensten patriarchalen Familienstrukturen ist die Belastbarkeit der Frau* das Um und Auf, auch wenn es hier nicht mit der starken Powerfrau* identifiziert wird, sondern mit einem pflichtgemäßen, stillem Ertragen von Mehrbelastung und Demütigung. Die Hipsterbobofrau* erfährt jedoch genau dasselbe Konzept, wenn auch sehr sehr sehr abgeschwächt und im völlig anders gemustertem Kleid und in scheinbarer Emanzipation. Daraus folgt, keine Frau* ist heutzutage befreit und Frauenrechte erfahren momentan sogar mehr Rückschritte denn Fortschritte. Die bisherigen Einschnitte ins Arbeitsleben und in Sozialgesetze der rechten Regierung in Österreich treffen in ihren Auswirkungen vor allem Frauen*, der gesamte gesellschaftliche Druck lässt den Krieg gegen Frauen in Österreich dramatisch eskalieren (Stichwort tödliche Beziehungstaten) und gleichzeitig werden feministische Vereine und Schutzeinrichtungen politisch geschwächt und ökonomisch gekürzt. Der Kampf um Frauenrechte ist also bei weitem kein symbolischer traditioneller Akt, an dem ausreicht ein paar Nelken zu verteilen. Im Gegenteil, die Forderung des 8. Märzes sind aktueller denn je und die Liste muss sogar erweitert werden.
In Anbetracht der Tatsachen, welchen Belastungen Frauen* quer durch die Gesellschaft ausgesetzt sind, mag es aussichtslos erscheinen dagegen anzugehen. Vor allem als Individuum. Hier verhält es sich allerdings gleich wie mit dem eingangs erwähnten Wäscheberg. Umso länger er nicht angegangen wird, umso größer wird er und irgendwo muss mal angefangen werden. Deswegen beginnen wir als IWW Wien im Kleinen, was aber für die Einzelne subjektiv sehr groß sein kann. Und das Wichtigste ist, wir tun es gemeinsam! Der 8. März ist ein guter Anlass praktische Solidarität verstärkt in den Vordergrund zu stellen. Es gehört zu unseren Grundsätzen als solidarische Gemeinschaft im Bedarfsfall füreinander da zu sein und uns ohne Scheu Hilfe vom Kollektiv zu holen. Denn wir wissen, es geht uns allen mal so, aber wir müssen nicht damit alleine stehen, so wie es uns das kapitalistische System vorgibt. Wir müssen uns nicht optimieren, um zu funktionieren. Wir wollen uns gegenseitig entlasten, um unsere kollektive Handlungssouveräntität zu erhöhen. In diesem Sinne kann sich jedes Mitglied vom Kollektiv praktische Solidarität erwarten, egal worum es geht. Natürlich gibt es kein Zauberrezept für jede Problemlage, aber viele Dinge sind auf mehreren Schultern ein Leichtes, während die einzelne Schulter darunter brechen kann. Ob das nun eine kaputte Waschmaschine ist, eine Umzugshilfe, ein belastender Behördengang oder einfach nur mal Einkaufen gehen, weil die Zeit dafür fehlt, die Palette von Dingen ist weit und was der Einen ein leichtes, kann für den anderen unüberwindbar sein. Was einer nicht schafft, können drei vielleicht locker schaffen. Wir werfen unsere Ressourcen zusammen und nutzen das Konzept der gelebten Solidarität im Alltag. So verstehen wir Gewerkschaft! Unbürokratisch füreinander da sein und das was uns die Arbeit und das Leben raubt stückweise mit kollektiver Kraft zurückerorben.
Rund um den 8. März legen wir den Fokus auf die Mehrfachbelastung der Frauen* und daher werden die männlichen Mitglieder den weiblichen Mitgliedern im Alltag Erleichterung verschaffen, in dem sie ihnen nach Wunsch und Bedarf etwas abnehmen oder Gutes tun. Ob das nun Kinderbetreuung ist, um an Protestaktionen teilzunehmen oder einfach mal abzuschalten, ob es ein Wohnungsputz ist, oder ein Mittagessen zum Arbeitsplatz gebracht, die männlichen Wobblies sind im Einsatz für die weiblichen Mitglieder. Denn Symbolik allein schafft keine Entlastung, es braucht praktische Solidarität und gemeinsames Handeln. Die scheinbar banalen und kleinen Dinge sind es, die den großen Unterschied machen können. Deshalb rücken wir Solidarität in den Fokus und packens zusammen an. Weil wir nicht alleine (verantwortlich) sind!