{"id":735,"date":"2018-02-26T18:25:01","date_gmt":"2018-02-26T17:25:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.iww.or.at\/?p=735"},"modified":"2018-02-26T23:55:20","modified_gmt":"2018-02-26T22:55:20","slug":"wieder-mal-umgefallen-selbstorganisation-statt-interessenvertretung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.iww.or.at\/en\/allgemein\/wieder-mal-umgefallen-selbstorganisation-statt-interessenvertretung\/","title":{"rendered":"Wieder mal umgefallen? &#8211; Selbstorganisation statt Interessenvertretung!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Niederlage bei den SW\u00d6-Kollektivvertragsverhandlungen offenbart die Schw\u00e4chen von Interessenvertretungen wie GPA\/djp und vida. Die Selbstorganisation in basisdemokratischen Gewerkschaften bietet eine Alternative f\u00fcr all jene, die sich nicht mehr einreden (lassen) wollen, dass sie am k\u00fcrzeren Ast s\u00e4\u00dfen.<\/strong><\/p>\n<p>Nach den Warnstreiks vom 16. und 17. Februar 2018 kam es in der diesen folgenden Verhandlungsrunde zum SW\u00d6-Kollektivvertrag zu einem <a href=\"https:\/\/www.gpa-djp.at\/cs\/Satellite?blobkey=id&amp;blobwhere=1342642736988&amp;blobheadername2=content-disposition&amp;blobheadername1=content-type&amp;blobheadervalue2=inline%253B%20filename%253D773%252F596%252FAbschlussprotokoll_SW%25C3%2596_Unterschriften_23.2.2018.docx.pdf&amp;blobheadervalue1=application%252Fpdf&amp;blobcol=urldata&amp;blobtable=MungoBlobs&amp;site=A03\">Abschluss<\/a>. H\u00e4tte es keinen Abschluss gegeben, w\u00e4ren diese Woche wieder Betriebe bestreikt worden. Viele Belegschaften waren bereit weiter f\u00fcr ihre Anliegen zu k\u00e4mpfen. Vor allem die Forderung nach einer Verk\u00fcrzung der Arbeitszeit auf 35 Stunden pro Woche konnte viele von uns mobilisieren \u2013 und wurde zugunsten des Abschlusses aufgegeben.<\/p>\n<p>Entsprechend ern\u00fcchtert bis w\u00fctend waren die Reaktionen auf die Versuche der Gewerkschaften GPA\/djp und vida, das Verhandlungsergebnis als Erfolg darzustellen. Als Betroffene f\u00fchlen wir uns von den Verhandler*innen verraten.<br \/>\nGPA\/djp und vida tun, was sie nach jeder Niederlage machen: Sie beschwichtigen und erkl\u00e4ren uns, dass ohne sie alles noch viel schlimmer w\u00e4re.<br \/>\nUnd viele Angestellte artikulieren ihren Zorn \u00fcber die Weigerung der Verhandler*innen von GPA\/djp und vida, ihren durch die zuletzt gut gelaufenen Mobilisierungen geschaffenen Spielraum auch auszunutzen.<\/p>\n<p>Es wirkt fast wie ein Ritual, das sich jedes Jahr wiederholt: Die Vertretenen klagen, dass ihre Interessen verraten wurden und die Vertreter*innen beklagen den mangelnden R\u00fcckhalt und die mangelnde Mobilisierung der Belegschaften. Diesmal ist die Situation jedoch anders, da die Mobilisierungen gut angelaufen waren, trotz angedrohter Repressalien durch manche Gesch\u00e4ftsf\u00fchrungen und kaum vorhandener Unterst\u00fctzung seitens der Apparate von GPA\/djp und vida. Schl\u00fcssig begr\u00fcnden k\u00f6nnen GPA\/djp und vida ihre mangelnde Kampfbereitschaft somit nicht.<\/p>\n<p>Anstatt hier die einzelnen Vers\u00e4umnisse polemisch breitzutreten, wollen wir nun aber zwei grunds\u00e4tzlichere Fragen stellen: Ist die Ursache f\u00fcr dieses wiederkehrende Problem nicht vielleicht im Konzept <em>Interessenvertretung<\/em> selbst zu finden? Und welche Vorteile bringt die Selbstorganisation der Betroffenen?<\/p>\n<p>Das Konzept der Interessenvertretung sieht vor, dass Vertreter*innen sich um die Interessen von uns Arbeitenden k\u00fcmmern. Sind wir unzufrieden k\u00f6nnten wir ja beim n\u00e4chsten Mal jemand anders w\u00e4hlen. Dazu kommt jedoch, dass diese Vertretungsorganisationen oft Eigeninteressen verfolgen. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind vielf\u00e4ltig: parteipolitische Interessenkonflikte, Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse, PR-Strategien, \u2026<br \/>\nF\u00fcr viele Angestellte ist dieses Modell ebenso verlockend. Viele von uns haben nicht die notwendige Zeit, manche keine Lust, selbst was auf die Beine zu stellen. Hinzu kommt, dass es in \u00d6sterreich eine lange Tradition der Unterw\u00fcrfigkeit gibt und wenige erfolgreiche basisdemokratische Mobilisierungen gab, die uns zum Handeln ermutigen w\u00fcrden. So ist es verst\u00e4ndlich, dass viele von uns in einer riskanten, unbekannten Konfliktsituation nach vermeintlichen Expert*innen rufen, die sagen k\u00f6nnen, wo es langgeht und uns am besten auch noch das Risiko abnehmen.<br \/>\nOrganisationen mit diesem Konzept nehmen diesen Ball dann gerne auf und leiten f\u00fcr sich gleich einen F\u00fchrungsanspruch ab. So wollen sie nicht nur f\u00fcr uns verhandeln, sondern auch f\u00fcr uns entscheiden. Und das Verhalten der Belegschaften kontrollieren k\u00f6nnen \u2013 damit ihre Rolle als alleinige Interessenvertretung nicht in Gefahr ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Entsprechend informieren sie uns lediglich \u00fcber die Verhandlungsergebnisse und lassen uns nicht dar\u00fcber abstimmen, ob der verhandelte Kompromiss wirklich unserem Interesse entspricht. Auch das Abstimmungsverhalten der Verhandler*innen wird in der Regel nicht transparent gemacht, was uns die Kontrolle der Interessenvertreter*innen unm\u00f6glich macht.<\/p>\n<p>Somit kann es schnell passieren, dass die beste Mobilisierung wirkungslos bleibt. Denn die Arbeitgeber*innen haben es nur mit einem Team von Verhandler*innen zu tun und diese k\u00f6nnen \u2013 sofern sie Ergebnisse nicht von der Basis abstimmen lassen m\u00fcssen \u2013 viel einfacher \u00fcber den Tisch gezogen oder unter Druck gesetzt werden. Die Macht, die gut organisierte, solidarische Belegschaften in Arbeitsk\u00e4mpfen aus\u00fcben k\u00f6nnen, kommt nicht zur Geltung.<\/p>\n<p>Erfolgsversprechender k\u00f6nnte das basisdemokratische Modell der Selbstorganisation sein. Bei diesem finden wir uns in Betriebsgruppen in unseren Arbeitsstellen zusammen und entscheiden demokratisch, was wir tun und mit wem wir kooperieren wollen. Es gibt keine Vorsitzenden, die dann \u00fcber unsere K\u00f6pfe hinweg entscheiden, sondern nur Delegierte, die den Standpunkt der Gruppe \u00fcbermitteln.<\/p>\n<p>So entscheiden wir Betroffene selbst, ob wir f\u00fcr die Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen oder Lohnerh\u00f6hungen streiken wollen und ob eine L\u00f6sung wirklich in unserem Interesse ist, oder nur ein fauler Kompromiss. Die Arbeitgeber*innen haben also ein viel m\u00e4chtigeres Gegen\u00fcber und sitzen auf einem sehr viel k\u00fcrzeren Ast.<\/p>\n<p>Wenn es zahlreiche Betriebsgruppen gibt, die sich gegenseitig solidarisch unterst\u00fctzen, ist diese Organisationsform auch \u00fcber Betriebs- und Branchengrenzen hinweg \u00e4u\u00dferst effektiv, ohne dass \u00fcber die K\u00f6pfe der Betroffenen hinweg entschieden werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dieses Modell ist nicht utopisch, sondern wurde und wird in vielen Arbeitsk\u00e4mpfen auf der ganzen Welt eingesetzt. Der Erfolg der Arbeitsk\u00e4mpfe h\u00e4ngt dabei vom Zusammenhalt und der Entschlossenheit der jeweiligen Besch\u00e4ftigten ab.<br \/>\nDiese haben eine gro\u00dfe Palette an Handlungsm\u00f6glichkeiten. Dazu geh\u00f6ren Streiks, aber auch andere direkte Aktionen.<br \/>\nDer Weg zum Gericht wird von uns nur im Ausnahmefall genommen, denn dort haben jene die besseren Karten, die mehr Geld haben und die Belegschaft kann den Ausgang eines Verfahrens kaum beeinflussen. Daher werden &#8211; im Unterschied zum Konzept der \u00d6GB-Gewerkschaften &#8211; Konflikte am Arbeitsplatz ausgetragen, also dort, wo die Belegschaft ihre volle Macht aus\u00fcben kann.<\/p>\n<p>Die IWW sind eine solche basisdemokratische Gewerkschaft. Wir bietet arbeitenden, aber auch z. B. arbeitslosen und pensionierten Menschen die M\u00f6glichkeit, in einer solidarischen Gemeinschaft gemeinsam f\u00fcr bessere Lebensbedingungen zu k\u00e4mpfen. Die Erfahrungen, die diese Gewerkschaft seit ihrer Gr\u00fcndung im Jahr 1905 in Arbeitsk\u00e4mpfen in vielen L\u00e4ndern gesammelt hat, sind die Grundlage f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.iww.or.at\/basics-ueber-die-iww\/think-it-over-eine-einfuehrung-in-die-ideen-der-iww\/\">unsere Organisationsstruktur und unsere Strategie<\/a>, Konflikte mit Arbeitgeber*innen, Beh\u00f6rden und anderen Gegner*innen auszutragen. Die Idee, sich selbst zusammenzuschlie\u00dfen und zusammenzuhalten ist ganz anders, als die Strategien von Interessenvertretungen und leicht zu erlernen.<br \/>\nIn Trainings lernen wir, wie wir beim Aufbau von solidarischen Betriebsgruppen an unseren Arbeitsstellen am besten vorgehen und in welche Fallen wir nicht tappen d\u00fcrfen.<br \/>\nDazu geh\u00f6rt, dass wir uns \u00fcberlegen, wie wir m\u00f6glichen Diffamierungen und Repressalien der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrungen entgegenwirken k\u00f6nnen \u2013 am besten schon im Voraus. Und wir erarbeiten und \u00fcben im Training, mit welchen Aktionen wir am besten Druck aufbauen k\u00f6nnen. Wir erarbeiten keine L\u00f6sungen f\u00fcr abstrakte Fallbeispiele, sondern f\u00fcr die konkreten Probleme, mit denen wir uns in unserem Arbeitsalltag herumschlagen m\u00fcssen.<br \/>\nSelbstorganisation ist f\u00fcr uns keine abgehobene Theorie, sondern ein alltagstaugliches Werkzeug zur solidarischen Selbsterm\u00e4chtigung.<\/p>\n<p><strong>Du m\u00f6chtest mehr \u00fcber Selbstorganisation erfahren?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die m\u00f6chtest gern mal IWWler*innen kennenlernen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Du hast ein Problem und brauchst Unterst\u00fctzung?<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.iww.or.at\/kontakt\/\">Melde dich bei uns<\/a> oder triff uns bei unserem n\u00e4chsten <em>Wobblies in the Pub<\/em> am Mo., 12.03.2018 um 19.00 Uhr im <a href=\"http:\/\/www.schlupfwinkel.at\/\"><em>Schlupfwinkel<\/em> <\/a>(Wien 4, Kleine Neugasse 10).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Niederlage bei den SW\u00d6-Kollektivvertragsverhandlungen offenbart die Schw\u00e4chen von Interessenvertretungen wie GPA\/djp und vida. 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