IWW Wien | die solidarische Gewerkschaft

Das Eigentum und die Esterházy

on 19. Februar 2019 Allgemein with 0 comments

(Langfassung aus SOLID! 1/2019)

Die fortschreitende Gentrifizierung, der Verlust öffentlicher bzw. leistbarer Nutzung, die Probleme für den Naturschutz und die drohende Verlustgefahr des Weltkulturerbes Neusiedler See haben sowohl mein persönliches Interesse, als auch das des Vereins „triple-A | austrian anarchist association“ angeregt, sich mit den Verhältnissen rund um den Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel und dem Erbe dieser einzigartigen Region näher auseinander zu setzen. Da ich nun gebeten wurde einen Artikel über Eigentum zu verfassen, habe ich diese beide Themen in diesem kurzen Essay vereint.

 

Um über die Lage vor Ort Aktuelles in Erfahrung zu bringen, habe ich mich mit Dipl.-Ing. Rudolf Christopher Franz Golubich vom Verein Freunde des Neusiedler Sees getroffen. Der Verein sieht sich als Dachverband, mit dem Ziel Initiativen und Organisationen rund um den Schutz der Natur- und Kulturregion “Neusiedler See” zu unterstützen. Besonders eng arbeitet dieser mit der Breitenbrunner Bürgerinitiative „Das ist unser See“ , sowie mit der Alliance for Nature“ zusammen.[1] Einige kleine „Schlachten“ konnten diese bereits gewinnen, so Golubich, wie etwa das Verhindern eines großen Hotelprojekts direkt am Seeufer in Neusiedl am See. Probleme sieht Dipl.-Ing. Golubich derzeit in Breitenbrunn gegeben.[2] Genaue Pläne seien derzeit nicht bekannt. Ursprünglich seien ein Projekt mit Schwerpunkt Wellness im  charakterlosen Baustil geplant gewesen, diese sind jedoch durch die Gemeinde und öffentlichen Druck abgewehrt worden. Gefahr besteht auch für die ansässigen Vereine wie z.B. dem Yacht Club Breitenbrunn, die ihr Areal verlieren könnten, mit allem was der Verein in den letzten Jahrzehnten darauf erschaffen hat.[3] Ein weiteres Problem findet sich in der Situation der Hobbyfischer. Diese zahlen für die Fischereikarten indirekt über die Pacht an die Stiftung Esterházy und benötigen zusätzlich für das Ausüben ihres Hobby einen Stellplatz für ihre Boote. Bis jetzt ist die Gemeinde hier den ortsansässigen Anglern etwas entgegen gekommen. Wie es aber ohne die demokratische Verwaltung durch den Gemeinderat und mit dem neuen Verhandlungspartner Esterházy Immobilien weitergeht; und ob es für die Mitglieder weiterhin eine leistbare Freizeitbeschäftigung bleibt, ist derzeit noch nicht abzuschätzen.

 

Wie kam die Familie Esterházy an ihren Besitz? War diese Familie so viel tüchtiger oder innovativer als andere Familien. Oder wussten sie einfach Ihre Chancen besser zu nutzen? Wohl kaum! Sie schworen dem König Treue, kämpften gegen die Osmanen und gegen  die Revolution 1848. Dafür wurden sie von den Herrschenden entlohnt. Doch kämpften Sie allein, oder kämpften doch eher die Soldaten aus dem Volk in ihrem Namen? Nutzten die Esterházy Waffen, die sie selbst herstellten oder doch welche, die durch die Arbeiter*Innenschaft im Bergbau und an der Esse erarbeitet wurden? Anhand dieser Fragestellung erkennt man sehr leicht die Problematik der Idee Eigentum. Diese Gedanken kamen mir natürlich nicht allein und entspringen einer Artikelreihe, erschienen in Paris 1892 in der Zeitschrift Le Révolte  und La Révolte. von Peter Kropotkin. Diese Reihe wurde später im Buch „Die Eroberung des Brotes“ zusammengefasst. Der Anarcho-Kommunist Kropotkin beschreibt die Absurdität Eigentum sehr anschaulich und leicht verständlich anhand des Beispiels Wohnung.

Hier ein kleiner Auszug aus seinem Werk:

 

“Das Haus ist nicht vom Eigentümer erbaut worden; es ist aufgerichtet, geputzt, tapeziert worden von Hunderten von Arbeitern, welche der Hunger auf die Bauplätze getrieben hat, welche das Bedürfnis, zu leben, gezwungen hat, einen verkürzten Lohn zu akzeptieren. Das von dem angeblichen Eigentümer aufgewendete Geld war nicht das Produkt seiner eigenen Arbeit Er hatte es angehäuft […] indem er den Arbeitern zwei Drittel oder nur die Hälfte von dem, was er ihnen schuldete, zahlte. […]:

Der Wert eines Hauses in bestimmten Vierteln in Paris beträgt eine Million, nicht weil es für eine Million Arbeit enthält, sondern weil es in Paris liegt; weil seit Jahrhunderten Arbeiter, Künstler, Denker, Gelehrte und Schriftsteller ihre Mühen vereinigt haben, um Paris zu dem zu machen, was es heute ist; ein Zentrum der Industrie, des Handels, der Politik, der Kunst und der Wissenschaft; weil es eine Vergangenheit hat; weil seine Straßen dank der Literatur bekannt sind – in der Provinz wie im Ausland; weil es ein Produkt der Arbeit von 18 Jahrhunderten, von 50 Generationen der gesamten französischen Nation ist.

Wer hat da das Recht, den kleinsten Teil dieses Terrains oder das letzte der Häuser sein Eigen zu nennen, ohne schreiende Ungerechtigkeit zu begehen? Wer hat da ein Recht, das kleinste Teilchen des gemeinsamen Erbteils zu verkaufen, an wen es auch sei?”[4]

 

Warum sollte uns das alles heutzutage interessieren? „Das Netto-Gesamtvermögen der Esterházy-Gruppe wurde 2014 mit rund 800 Millionen Euro bewertet.“ schrieb neulich der Standard.[5] Die Dynastie selbst hat mit dem Tod von Melinda Esterházy (gebürtig Ottrubay) 2014 ein Ende gefunden. Diese brachte ihr Vermögen, darunter große Teile des Ufers und Wasserflächen des Neusiedler Sees, Forstflächen des Leithagebirges und etliche landwirtschaftliche Flächen, in Stiftungen.Nach ihrem Tod erbte ihr viel kritisierter Neffe Stefan Ottrubay das Vermögen und übernahm die Oberaufsicht dieser Stiftungen.[6] Auch große Teile des Nationalparks sind im Eigentum der Stiftung Esterházy, und dieser muss  Ertragsentgangsentschädigungen (für Landwirtschaft, Pacht für Fischerei, Jagd, Schilfschnitt, usw.) zahlen. Der Nationalpark finanziert sich großteils mit Geldern aus Bund und Land, also Geld, das die werktätigen Massen gemeinsam erarbeitet haben. In etwa 3,5 Millionen Euro jährlich gehen insgesamt an rund 1200 Grundeigentümer, darunter Private, das Stift Heilgenkreuz und auch die Stiftung Esterházy. Wie viele Teile davon an die Esterházy, oder besser die von Ottrubay kontrollierten Stiftungen, gehen, wurde mir telefonisch nicht beantwortet und gilt es noch herauszufinden.[7]  Doch wie ein Bekannter einmal so schön sagte: „Man kann im Burgenland nicht umfallen, ohne auf Land der Esterházy zu landen.“ Hinzu kommen Erträge aus der Verpachtung des Sees und dessen Umgebung an Fischerei und Jagd, Erträge aus den riesigen forst- und landwirtschaftlichen Flächen. Geld, das durch Steuern von unten nach oben geschafft wird. Geld, das in so vielen Bereichen fehlt und stattdessen in die Taschen ohnehin begünstigter Privater fließt.

 

„Eigentum ist Diebstahl“[8] und eine Idee, die neu gedacht werden muss. Eine ehrliche, öffentliche Debatte über Besitzverhältnisse gilt es wieder salonfähig zu machen.

[1]Website: Freunde des Neusiedler Sees, Der Verein, 21.01.2019; https://freunde-des-neusiedlersees.at

[2]Anmerkung: Bis 2018 wurde das Seeareal von der Gemeinde Breitenbrunn gepachtet und diese schließlich vom       Eigentümer Stiftung Esterházy nicht verlängert

[3]Frei nach dem Interview mit  Dipl.-Ing. Rudolf Christopher Franz Golubich am 16.01.2019

[4]Peter Kropotkin Die Eroberung des Brotes (Jürgen Mümken, Alibri Verlag; Aschaffenburg 2014) Seite 103-104

[5]Der Standard , Onlineversion, „Vermeintlich entführte Frau wiederaufgetaucht – sie fuhr freiwillig mit“,  23.01.2019;

https://derstandard.at/2000096882971/Polizei-in-Eisenstadt-bittet-nach-Entfuehrung-Bevoelkerung-um-Mithilfe

[6]Wikipedia, Die Ursprünge der Famile Esterházy, am 21.01.2019; https://de.wikipedia.org/wiki/Esterházy#Die_Ursprünge_der_Familie_Esterházy

[7]Die Quelle möchte nicht in Verbindung mit diesem Artikel nicht genannt werden.

[8]Zitat von Pierre-Joseph Proudhon aus seinem  Werk „Qu’est ce que la propriété? Ou recherches sur le principe du droit et du gouvernement.“ aus 1840