Einfühlsamkeit + Aktivismus = Solidarität (Langversion mit Videos)


Ein Rückblick auf einen berührenden Abend mit Billy Bragg.

Billy Bragg Credit: Michael Barbour

Billy Bragg (Credit: Michael Barbour)

Am 12. August, kurz bevor uns die erschütternden Nachrichten vom Nazi-Angriff in Charlottesville erreichten, erlebten wir, ein paar Wobblys,  im Wiener WUK ein in vielerlei Hinsicht außergewöhnliches Konzert. Billy Bragg, der linke Liedermacher aus Großbritannien war nach Wien gekommen. Nicht nur, um uns seine Balladen und Protestlieder zu singen, sondern auch, um uns Mut zu machen. Mut, weiterzukämpfen und nicht wegen der gefährlichen politischen Lage aufzugeben oder in Zynismus zu versinken.
Das Konzert beginnt vergleichsweise ruhig – ohne Ansagen und mit minimalistischer, weißer Beleuchtung, die nur sporadisch mit Farbnuancen im Hintergrund gewürzt wird.

 

 

Dann aber fängt Bragg plötzlich an, zwischen den Liedern zu den Menschen im Publikum zu sprechen und spannt ein Band, das bis zum letzten Ton des Abends nicht reißen sollte.
Mit einer wirklich außergewöhnlichen Einfühlsamkeit erzählt er in seinen Liedern und Geschichten von der Liebe und den großen und vermeintlich kleinen Schwierigkeiten und sozialen Kämpfen, mit denen wir uns in unseren Leben herumschlagen müssen. Dabei gibt er uns das Gefühl, das uns sonst kaum jemand öffentlich zu geben vermag: das wir alle wertvoll sind. Dies fühlt sich nicht nur gut an, sondern ist auch bemerkenswert in einer Zeit, in der das verächtliche Herabwürdigen von Menschen, die weniger Geld haben, allgemein akzeptiert und oft beklatscht wird.

Sleep of Reason

Francisco Goyas Kunstwerk Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer (Originaltitel: El sueño de la razón produce monstruos).

Billy Bragg nennt diese Politik den Krieg gegen die Einfühlsamkeit. Ein Krieg mit dem Ziel, den Zusammenhalt unter den Ausgebeuteten gegen die Angriffe des Kapitals zu verhindern.

Mit dem Lied The Sleep of Reason, das vom gleichnamigen Kunstwerk Francisco Goyas inspiriert ist, reflektiert Bragg die BREXIT-Abstimmung und den Wahlsieg Donald Trumps. Er hinterfragt, warum nicht einmal über die für die Menschen existentiell wichtigen Fragen wie Einkommen, Gesundheitsversorgung und Bildung abgestimmt wird, sondern die persönliche Unsicherheit auf die Zuwanderung gelenkt wird.

In The King’s Tyde and the Sunny Day Flood erzählt er vom Anstieg des Meeresspiegels durch den Klimawandel. Im Süden der USA führt dies beispielsweise dazu, dass tausende Menschen ihre Häuser verlassen müssen, weil diese durch die monatlichen Überflutungen unbewohnbar werden. Besonders betroffen sind davon Menschen, die sich ein neues Zuhause nicht leisten können und für die sich die Stadtverwaltungen nicht interessieren – auch der Klimawandel ist eine Klassenfrage.

Zwischendurch nimmt Billy Bragg einen kurzen Abstecher zur Folk-Musik. Am 20. Jänner, dem Tag der Angelobung von Donald Trump, hatte er einen neuen Text für Bob Dylan’s The Times They Are A-Changin‘ geschrieben, in dem er beschreibt, wie die Rechten die Zeit zurückdrehen und eine von Unterdrückung bestimmte Gesellschaft errichten wollen.
Zum Repertoire Braggs gehören neben den Protestliedern auch eine Menge Lieder über glückliche und unglückliche Liebe. Shirley, A New England oder Milkman of Human Kindness sind nur drei der Balladen, die er an diesem Samstagabend für uns singt.

 

 

Für Billy Bragg besonders inspirierend war der us-amerikanische Liedermacher Woody Guthrie gewesen. Mit dessen She Came Along to Me drückt seine Solidarität mit den Frauen aus, die für ihre Selbstbestimmung und gegen das lauter werdende frauenfeindliche, konservative Geschrei kämpfen. Aber er ruft auch die Männer auf, sich von patriarchalen Rollenerwartungen zu befreien. Handyman Blues ist eine Hommage und ein Weckruf an alle Männer, die die Schnauze voll davon haben, gute Heimwerker sein zu müssen.

 

Don’t be expecting me to put up shelves or build a garden shed
But I can write a song that tells the world how much I love you instead
I’m not any good at pottery so let’s lose the ‚t‘ and just shift back the ‚e‘
And I’ll find a way to make my poetry build a roof over our heads.
(Handyman Blues)

 

Als Billy Bragg auf der Bühne spricht, betont er immer wieder, wie wichtig die Musik ist. Mit ihr könnten Geschichten erzählt werden, die die Herzen, nicht nur die Hirne erreichen. So wichtig die Musik für unseren Zusammenhalt und unsere Ermutigung sei, kann sie uns nicht ersparen, dass wir aktiv werden. Denn Einfühlsamkeit plus Aktivismus ist Solidarität. Diese ist bekanntlich unsere einzige Waffe und wie mächtig sie ist, erklärte Bragg gegen Ende des Abends mit seiner alten Gewerkschaftshymne There is Power in a Union.

 

There is power in a factory, power in the land
Power in the hands of a worker
But it all amounts to nothing if together we don’t stand
There is power in a Union
(There is Power in a Union.)

 

Wir können auf ein in vielerlei Hinsicht sehr ergreifendes Konzert zurückblicken und hoffen, Billy Bragg noch oft zuhören zu können. Den Nazis in Charlottesville wollen wir folgende Worte ausrichten, die Woody Guthrie 1942 niedergeschrieben hat: You’re bound to lose, you fascists bound to lose!